Medien : Medienrepublik (82)

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Norbert Thomma über den großen Moralisten Michael Palme vom „Sportstudio“

Die Welt ist lausig, sagt der Kulturpessimist, und sie wird ihm zügig schlechter. So oberflächlich – schaut euch die Nachrichten von RTL an. Zu schnell – werft einen Blick auf die Clips von MTV. So narzisstisch – der Bohlen zum Beispiel. Die Moral ist perdu – seht nur die lange Liste von Leo Kirch, Kohl, Waigel … Ach, sagt der Kulturpessimist, langsam wird einem der Papst wieder sympathisch.

Ist wirklich alles zu spät? Nein. Samstagabends ist die Welt noch in Ordnung. Dann gibt es im Zweiten das „Sportstudio“. Dann redet Michael Palme. Und Palme ist Fernsehen aus Neandertal. Keine Show, kein Glitter, kein Event. Er sitzt einfach da, im Jacket, mal mit, mal ohne Krawatte. Es zählt nur das gesprochene Wort. Sie nennen das „BundesligaKommentar“ (zu lesen und zu hören unter www.zdf.de ). Das ist sehr, sehr sophisticated. Es müsste heißen: „Michael Palme hebt mahnend den Zeigefinger.“ Oder auch: „Michael Palme legt den Finger in die Wunde.“ Besser noch: „Michael Palme hebt mahnend den Zeigefinger und legt selbigen alsdann in die Wunde.“ Er ist der lebende Anti-Zynismus, der Gegenentwurf zu Harald Schmid, der Wiedergänger von Pfarrer Sommerauer. Er wird vom „Spiegel“ verkannt als „Geschichten-Erzähler in der Satire-Ecke“ des ZDF-„Sportstudios“. Würde das stimmen, er säße in dieser Ecke mit Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt. Michael Palme ist nicht von gestern, er ist von vorgestern. Ein Moralist. Der letzte Moralist. In Palmes Stil gesprochen: Ein Moralist aus echtem Schrot und Korn.

Was ist die Bundesliga? „Ein beinhartes Geschäft.“ Wie ist dieses Geschäft noch? „Gnadenlos.“ Was will der Profifußball? „Gewinnmaximierung.“ Was wird dem Fan serviert? „Graubrot, Spieltag für Spieltag.“ Stefan Effenberg? „Ich habe ihn gemocht.“ Warum? „Weil er rasierklingen- scharfe Ecken und Kanten hat.“ Und jetzt? „Die Liga ist ärmer geworden.“ Die Liga? „Ein Haifischbecken.“ Der Fußball? „Hin und wieder auch ein ganz klein wenig ein menschenverachtendes Geschäft.“ Ein tönt ein bisschen nach Bsirske und ein bisschen nach Claudia Roth. Michael Palme, der Menschenrechtsbeauftragte des runden Leders. Er prangert an! „Mein Unwort des Jahres: Rudelbildung. Der Begriff ist besetzt, so bezeichnet der Zoologe das Zusammenrotten wilder Tiere. Spieler aber sind Menschen wie du und ich.“ So sitzt er da, einsam in der Kulisse des „Sportstudios“, und legt den Finger in die vielen Wunden der Gesellschaft. Er stellt gern „die Gretchenfrage“. Gier, Geld, Gockelei – wer ist schuld daran? Wir, die Medien, redet der letzte Moralist, mit dieser „Marktschreier-Mentalität!“ Dafür bekommt er vom Publikum dankbaren Applaus. Dann gibt Palme wieder ab an den Moderator. Der heißt wahlweise Poschmann, Steinbrecher oder Johannes B. Kerner.

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