Medien : Medienrepublik (87)

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Norbert Thomma sieht bei der ARD eine „Sportschau“ in der RetroVersion

Als der Fußball von der „Sportschau“ zu „ran“ wurde, versprach der Sportchef von Sat 1 in Gestalt von Reinhold Beckmann, er wolle den Fußball „journalistischer“ machen. Das sah dann so aus: Anstatt das Spiel oder die Entwicklung eines Tores zu zeigen, sah man schwitzende Trainer, jubelnde Manager und Ministerpräsidentengattinnen auf der Tribüne, außerdem ausgemusterte Kicker mit ihren Kindern. Das Studio wurde zum Fußballstadl. Jedes 0:0 wurde vom Publikum beschunkelt. Die Kommentatoren mutierten zu Marktschreiern. Es war die Eventisierung des Banalen.

Nun kehrt der Fußball zur ARD zurück. Für die ARD ist der Fußball eine Riesensache. Das ist für den Zuschauer gefährlich. Riesensachen in der ARD riechen verdammt nach Grand Prix de Fußballvision. Vermutlich denken die Fernsehleute, dass es unter einem richtigen Event nicht mehr geht. Dass man auf „ran“ jetzt eventmäßig noch was draufsatteln muss. Das ist falsch.

Vielleicht sollte mal jemand die ARD daran erinnern: Retro ist angesagt. Längst ist die Sendung „Was bin ich?“ wieder auferstanden. Einer der Ratefüchse ist Norbert Blüm. Hape Kerkeling machte erfolgreich die 70er-Jahre-Show. Nena ist lebendiger denn je. Die Stones rocken jede Boygroup von der Bühne. In Haushaltsgeschäften stehen Toaster, Mülleimer und Espressomaschinen aus Chrom – genau das Zeug, das vor 30 Jahren auf den Müll geworfen wurde. Adidas hat bei den Turnschuhen die frühen Modelle wieder aufgelegt. Oliver Geissen machte erfolgreich die 80er-Jahre-Show. Auf Skipisten wedeln Keilhosen und Neonfarben. Der Beetle. Der Mini-Cooper. Chrysler baut einen Kühler aus der Al Capone- Zeit. Kabel 1 beginnt am 10. Juli mit einem „Retro-Quiz“. Mit dabei sind Karl Dall und Dieter Kürten.

Na, ARD! Überzeugt?

Warum der alte Kram den Leuten gefällt? Man könnte einen Philosophen fragen wie Peter Sloterdijk und würde so in etwa zur Antwort bekommen: Das Rekurieren aufs Vergangene wächst aus dem Wunsch einer Rückkehr in den Uterus. Man könnte auch mit Günter Netzer argumentieren. Den mögen die Menschen nicht wegen seines pseudoschlauen Geredes, sondern wegen seiner Retro-Frisur.

So, nun hat es die ARD kapiert. Sie wird der „Sportschau“ ein einfaches Studio bauen. In der „Sportschau“ wird wenig geredet und viel Fußball gezeigt. Zuschauer gehören ins Stadion und bekommen vom Sender Hausverbot. Das „Tor des Monats“ wird nicht per TED-Umfrage ermitteln, man muss wieder Postkarten schreiben mit einer Zahl drauf. Die Moderatoren tragen Rollkragenpullover. Die Moderatoren heißen Ernst Huberty und Heribert Faßbender. Das einzige Zugeständnis an den Zeitgeist ist eine Sendung in Farbe. Als junger Wilder kehrt Jörg Wontorra zur ARD zurück. Schade eigentlich, dass Adi Furler das nicht mehr erleben darf.

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