Medien : Medienrepublik (88)

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Norbert Thomma über naturgeile Gerüchte und die fremde Ukraine

Oh du so unendlich weites Land! Ukrajina! (So schreiben wir OsteuropaSpezialisten originalsprachlich.) Was wissen wir schon über diesen zweitgrößten Flecken Europas? (603 700 Quadratkilometer, ganz schön unendlich weit) Nichts. Oh Ukrajina, wir kennen nicht deinen Regierungschef (Viktor Janukowytsch), wir staunen über die Zahl deiner Nachbarn (Polen, Weißrussland, Russland, Rumänien, Moldau, Ungarn, Slowakei).

Kann man etwas derart Unbekanntes wirklich fürchten? Die Ukrajina schon. Denn sie steht hierzulande für zwei gewaltige Schrecken: Tschernobyl und die Gebrüder Klitschko. Nun lässt sich mit einem gewissen Stolz sagen, dass Deutschland mit beiden recht gut klargekommen ist. Die beiden in Hamburg lebenden Boxer mühen sich wacker in Goethes Sprache, sie trinken nicht und kleiden sich anständig. Tschernobyl hat uns gelehrt, den Kopfsalat häufiger zu waschen und die Umwelt nicht so zu versauen. These: Trittins Einstieg in den Ausstieg wäre ohne ukrajinische Hilfe nicht möglich gewesen. Nun endlich mal einen Dank gen Osten geschickt: Spasiba!

Gerade aber erreichen uns aus dem unendlichen Land „naturgeile Ukrainerinnen“. Merkwürdiges Attribut. Es zielt auf unser Jute-statt-Plastik-Bewusstsein. Naturtrüb (Apfelsaft), naturrein (Tabak), naturbelassen (Honig), naturnah (Tourismus) – man könnte meinen, diese Ukrajinerinnen kämen direkt aus dem Bioladen. Doch möglicherweise werden die Damen „unserem Gemeinwesen“ (Wolfgang Thierse) weniger gut tun als der geplatzte Atomreaktor.

Schon kursieren Namenslisten, wem die Naturgeilen (neben dem angeprangerten Michel Friedman) gegen harte Euro zu Willen waren (die weiche ukrajinische Währung heißt Hrywnja). Das jüngste Gerücht betrifft Prominente aus Politik, Medien & Sport. Die diversen Herren dürften inzwischen davon wissen. Tun können sie nichts. Das Gerücht ist ein bitteres Gift für die Betroffenen – und ein süßes fürs Publikum. Ein lustiger Sommer kann das werden in Berlin. Jede Woche kommt nun ein anderes Pressefest, und alle, alle werden da sein: „Hast du den X schon gesehen? – Souveräner Typ, lässt sich gar nichts anmerken. – Der Y fehlt. – Kein Wunder, hier würde ich mich auch nicht zeigen.“ uswusf. Wer möchte, kann gerne den Namen seines Lieblingsfeindes in die Ohren pflanzen (aber das bleibt unter uns, klar?!). Und schon bei der nächsten Cocktailparty wird die Neuigkeit lustvoll herumgereicht.

Es gibt, übrigens, eine umfangreiche Gerüchteforschung. Eine Erkenntnis besagt, ein Gerücht müsse nicht einmal plausibel sein, um zu wirken. Das ist bei den ukrajinischen Damen nicht der Fall. Wo Männer sind, sind Prostituierte. Als sich etwa die hohe Geistlichkeit 1414 zum Konzil von Konstanz versammelte, reisten auch mehrere Tausend Dirnen an. Gewiss nicht zum gemeinsamen Gebet.

PS: Und dies ist (zurück zur Naturgeilheit) kein Gerücht, es sind (wie man am Dnjepr sagt): Fakty, Fakty, Fakty.

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