Medien : Medienrepublik (89)

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Matthias Kalle über die Unwissenheit, die im Sommer über Deutschland kommt

Glück, so lernen es Philosophiestudenten im ersten Semester, stelle sich vor allem dann ein, wenn das Unglück nicht da ist. Nun ist ein Mensch, der gerade nicht da ist, vor allem im Sommer, meistens im Urlaub, und heißt das etwa, dass auch das Unglück zuweilen Urlaub macht? Wie erholt von all dem, was es anrichtet, wenn es seiner Arbeit nachgeht?

Auch die Kolumnisten der Medienrepublik dürfen Urlaub machen. Aber in diesem Fall bedeutet die Abwesenheit der Zeitungslektüre, des Medienbetriebs, das Glück, und in den ersten Tagen meines Urlaubs hielt ich mich noch schadlos: Bücher lesend, am Strand liegend, lokale Köstlichkeiten essend – so verbrachte ich meine Zeit. Aber dann schaltete ich den Fernseher an. In der Quizshow von Jörg Pilawa sagten zwei Mädchen, anscheinend gerade aus einem langjährigen Bildungsurlaub zurückgekehrt, das Neue Testament weise als Geburtsort Jesu Nazareth aus. In einer anderen Quizshow war ein Kandidat mit der Eingangsfrage überfordert, wer einen Hit hatte, in dem man einen Nippel durch die Lasche ziehen sollte. Nur mit vereinten Kräften von Publikum und Moderator gelang es dem Mann, die richtige Antwort zu formulieren.

Die Unwissenheit, so schien es, macht hauptsächlich im Winter Urlaub. Im Sommer kommt sie über Deutschland. Um diese These zu untermauern, kaufte ich den nächsten Zeitungskiosk leer. Das Zeitgeistmagazin „Stern“ recherchierte einem neuen Trend hinterher, der „Entschleunigung“, denn Schnelligkeit mache die Menschen krank. Schlimm krank, denn laut dieser Geschichte wurde eine 26jährige Werberin gesund, weil sie lernte, zehn Minuten still zu stehen – weiß man so ja auch nicht.

Das Fachblatt „Bunte“ weiß, dass Joschka Fischer eine neue Partnerin hat. Fotos zeigen, wie er mit ihr einen Flohmarkt besuchte – nachgespielt wurde die Szene dann in der Harald-Schmidt-Show mit Manuel Andrack in der Rolle des Außenministers: Andracks Outfit stimmte bis auf die Plastiktüte eines Leipziger Antiquariats.

Was keiner weiß, aber alle wissen wollen, ist die Bedeutung der neuen Rückennummer von David Beckham, der „23“. Hat sie etwas mit den Illuminaten zu tun? Oder ist es eine Hommage an den Basketballer Michael Jordan, der sich bester Gesundheit erfreut, was Uli Hoeneß scheinbar nicht weiß. In der „Bild“-Zeitung wird der Bayern-Manager so zitiert: „Michael Jordan muss sich im Grab umdrehen, dass so einer sein Trikot mit der 23 trägt.“

Aber bedeutet Unwissenheit nicht am Ende doch eigentlich das größte Glück? Wenn dem so ist, dann kehrt das Wissen zurück, wenn das Unglück seinen Urlaub beendet. Und dann ist das Sommerloch zugeschüttet.

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