Medien : Medienrepublik (93)

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Matthias Kalle kann das „Sportschau“Gefasel nicht mehr ertragen

Was berührt den Menschen, wenn nicht die Liebe? Natürlich: der Sport. Und vor allem in der vergangenen Woche machten Journalisten, zur Liebe leider allzu häufig nicht fähig, die körperlichen Ertüchtigungen jeder Art zu den Objekten ihrer Beobachtungen. Den Sport, den kommentierten, analysierten und bewerteten sie, als ob es sonst nichts gäbe auf der Welt. Das wäre auch nicht sonderlich schlimm, hätten sie es nicht mit einem Eifer getan, wie man ihn eigentlich den Verliebten zuschreibt.

Vor einer Woche wurde Jan Ullrich bei der Tour de France Zweiter hinter Lance Armstrong, und jeder Mensch weiß, dass gilt: Der Zweite ist der erste Verlierer. Diese Grundregel setzten gleich mehrere Redaktionen außer Kraft.

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) titelte am Tag nach Ullrichs Sturz beim Zeitfahren „Meister der Herzen“, in Anlehnung an den Fußballverein Schalke 04, der vor zwei Jahren für ein paar Minuten Deutscher Fußballmeister war, bis die Bayern in Hamburg …

Jedenfalls erschien am Montag das Übertreibungsorgan „Bild“ mit einem Foto von Ullrich auf der Seite 1 und schrieb drüber: „Champion der Herzen“. Ja was nun? Meister? Champion? Und wessen Herzen überhaupt? Vor allem wohl die der Journalisten, die im Sport all das suchen, was sie in ihrem Leben nicht finden: die Tragödie, das Leid, den Schmerz, die Belohnung, den Sieg.

Deshalb wohl nervten sie auch in der vergangenen Woche zunehmend mit ihren Vorberichten zur 41. Bundesligasaison, die am Freitagabend begann. Leider machte da auch Harald Schmidt mit, der in seiner Show damit nervte, dass er eine „lebende Tabelle“ präsentierte, das Publikum aufforderte, seinen Hass-Klub zu benennen, und mit Manuel Andrack stereotype Szenen von der Trainerbank nachspielte. Und gerade da wurde deutlich, dass Leidenschaft für den Fußball im Fernsehen leicht ins Deppenhafte abgleitet: Andrack, Fan des 1. FC Köln, stand kurz davor, einen Geißbock abzuknutschen.

Vielleicht wird die „Sportschau“ bei der Übertragung der Bundesligaspiele ohne Leidenschaft auskommen – existenziell schien jedenfalls die Frage, wie sie denn nun werden würde, nach ihrer Rückkehr. Auf weniger Werbung hoffte man, auf weniger Show, und die Prognosen waren auch deshalb wohl so willkommen, weil die Voraussage, wer denn nun Deutscher Meister (der echte, nicht der Herzen) werden wird, ein bisschen langweilig geworden ist.

Aber, ach! Es war auch so schon langweilig genug! Wen interessiert es denn, welcher Sender wann was wie zeigt? Wer will denn wissen, wie das „Sportstudio“ aussieht, was Gerhard Delling zur Begrüßung sagt, was Reinhold Beckmann anhat? Zum Glück stand in der „taz“ ein Text, der unterhielt und der mal aufräumte mit dem ewig dämlichen: „Die ,Sportschau’ war auch irgendwie echt besser als dieses ,ran’-Spektakel.“ Nö, war sie eben nicht. Ob sie es jetzt wird? Vollkommen egal. Wichtig ist auf dem Platz. In der Liebe ist es ja ganz ähnlich.

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