Medien : Medienrepublik (96)

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Malte Lehming findet heraus, dass

Satan die Medien in Amerika beherrscht

Vor einem halben Jahr erschien in der „New York Times" ein besorgter Kommentar. Er hieß „God, Satan and The Media". Fast alle großen Zeitungen, so lautete der Vorwurf, würden eine wichtige, stetig wachsende Gruppe komplett ignorieren. Etwas salopp könnte man deren Mitglieder als „Hardcore Christen" bezeichnen. Sie selbst nennen sich Evangelikale oder Wiedergeborene. Und jetzt kommt die Zahl: Laut einer GallupUmfrage umfasst diese Gruppe knapp die Hälfte, nämlich 46 Prozent aller Amerikaner. (Hinter diesem Satz müssten mindestens 46 Ausrufungszeichen stehen.)

Selbst Präsident George W. Bush zum Beispiel glaubt nicht an die Evolution. Ex-Präsident Ronald Reagan tat das auch nicht. Kein Wunder: Nur 28 Prozent der Amerikaner glauben an diese Wissenschaft, während 48 Prozent den Kreationismus für richtig halten, die Schöpfungslehre. Von der Existenz des Satans sind gar 68 Prozent überzeugt. Der kulturelle Einfluss der „Hardcore Christen" ist groß, findet aber in den Medien kaum Beachtung. Die Bücher aus der Apokalypse-Serie von Tim LaHaye erobern regelmäßig die Bestsellerlisten, ungefähr 50 Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. Die Fernsehpredigten eines Benny Hinn werden in 190 Länder ausgestrahlt. Agnostiker und Liberale kennen weder LaHaye noch Hinn. Zwei Gesellschaften, eine tief religiöse und eine religionsindifferente, leben in Amerika nebeneinander her. Jede hat ihre eigenen Grundsätze und Regeln. Immer öfter prallen sie verständnislos aufeinander.

Die jüngste Schlacht wird in Montgomery geschlagen, der Hauptstadt des christlich geprägten Südstaates Alabama. Hier spielt sich ein Drama ab, das den Rest des Landes kaum weniger bewegt als die Lage im Irak oder die Kandidatur von Arnold Schwarzenegger für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien. Vor zwei Jahren hatte der höchste Richter von Alabama, Roy Moore, in der Eingangshalle des Obersten Gerichts ein gut zwei Tonnen schweres Granitdenkmal aufstellen lassen. Es bildet die zehn Gebote ab. Weil in der amerikanischen Verfassung die Trennung von Staat und Kirche festgeschrieben ist, erklärte ein Bundesgericht vor kurzem das Monument für unrechtmäßig. Dennoch weigert sich Moore, den seine Anhänger „holy rock" oder „Moses of Alabama" nennen, den Koloss zu entfernen. „Ich darf nicht gegen mein Gewissen handeln“, sagt er. Ohne Gott gebe es keine Werte. Aus ganz Amerika reisen nun „Hardcore Christen“ an, die sich als lebende Schutzschilder um das Gebäude postieren, um den gewaltsamen Abriss des Denkmals zu verhindern. Sie tragen Kreuze und T-Shirts mit der Aufschrift „Property of Jesus“, zelten vor dem Gericht, nächtigen auf den Stufen, einige sind in Hungerstreik getreten, andere, wie Pastor Stephen Hopkins aus Texas, wurden am Mittwoch verhaftet, als sie sich weigerten, am Abend das Gerichtsgebäude zu verlassen.

Hopkins hat zehn Kinder. Er ist bereit, sich wieder verhaften zu lassen. „Dies ist ein Anschlag auf Gott“, sagt er. Gegen Moore läuft ein Disziplinarverfahren, an jedem Tag, an dem der Oberste Richter von Alabama das Monument stehen lässt, muss er 5000 Dollar Strafe zahlen. Dennoch: Der Widerstand wächst. Aus dem Streit ist ein Kulturkampf geworden. Für beide Seiten geht es ums Prinzip. Die „New York Times“ berichtet inzwischen täglich auf ihrer ersten Seite über den Verlauf der Ereignisse. Fest steht: Einen Kompromiss kann es nicht geben. Aus dem Drama droht eine Tragödie zu werden. Sie wird, wie die Dinge liegen, nicht die letzte ihrer Art sein.

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