Medien : Medienskandal?: Die Kumpel der Kicker

Robert Ide

Es war kein leichter Gang für Uli Hoeneß. Beim Bundesliga-Spiel in Cottbus pfiffen ihn die Fans gnadenlos aus. "Uli in den Gulli" hallte es durch das "Stadion der Freundschaft". Die deutschen Fußball-Anhänger konnten sich in den letzten Wochen ihr Bild vom Bayern-Manager machen: ein eiskalter Intrigant, der vor Rufmord nicht zurückschreckt. Ist das wahr? Ist Hoeneß ein Schurke und Daum ein Unschuldsengel? Eigentlich weiß es keiner so genau. Doch alle haben eine Meinung zum Skandal. Und die haben sie aus den Medien.

Die deutschen Sportjournalisten stehen unter Erklärungszwang. Wie konnte es passieren, dass Gerüchte zu Nachrichten werden? Warum mündete der Streit um den Posten des deutschen Nationaltrainers in eine öffentliche Schlammschlacht mit juristischem Nachspiel? "Fußball wird immer mehr zum Event der gesamten Gesellschaft", sagt Rainer Holzschuh, Chefredakteur des Fachmagazins "kicker". Klatsch-Magazine wie "Gala" und "Bunte" würden groß ins Geschäft einsteigen und den Sport verfremden. "Der Fußball wird in eine Drogen- und Sex-Ecke getrieben, in die er nicht gehört", sagt Holzschuh. Er befürchtet, dass die fachliche Berichterstattung über Spiele und sportliche Hintergründe auf Dauer zu kurz kommt. Doch auch in der letzten Ausgabe des "Kicker" war die Daum-Hoeneß-Affäre beherrschendes Thema auf den ersten Seiten - nach langen Debatten in der Redaktion, wie Holzschuh versichert.

Die Sportjournalisten als Opfer - das klingt nach einer Ausrede. Doch auch Ralph Durry, Fußballchef beim Sport-Informationsdienst (sid), findet dafür durchaus Anhaltspunkte. Gerade in der aktuellen Debatte seien "die Medien missbraucht worden", sagt er. Durry macht keinen großen Hehl daraus, wen er für den Verantwortlichen hält: "Uli Hoeneß hat das so gewollt".

Alles wird herausgeblasen

Doch der Sportjournalist will es nicht bei Funktionärs-Schelte belassen. Durry übt auch Selbstkritik. Hektisch seien die Medien auf den Zug aufgesprungen, statt auf die Bremse zu treten. "Es gibt keine Selbstbeschränkungen mehr", klagt Durry, "alles was die Reporter hören, wird sofort hinausgeblasen". Seinen eigenen Arbeitgeber nimmt er davon nicht aus. Beim nächsten Mal gelte es für alle, "distanzierter zu reagieren".

Doch die Chancen stehen schlecht, dass der nächste Tratsch vom Bolzplatz nicht wieder die Schlagzeilen beherrscht. Der "Verband Deutscher Sportjournalisten" (VDS) ist jedenfalls skeptisch und etwas hilflos. Vizepräsident Hans-Joachim Zwingmann klagt: "Wir können nur auf Probleme hinweisen." Zwar gebe es einen Ehrenkodex für Sportjournalisten, aber: "Bei solch einer Sache wird der nicht eingehalten."

Zwingmann, der für die Deutsche Presseagentur (dpa) Sportberichte schreibt, sieht Defizite in der Berichterstattung. Das größte Manko sei fehlende Distanz. "Sportjournalisten führen ein Eigenleben", meint Zwingmann. Besonders die Kollegen der Boulevardpresse würden jeden Tag am Trainingsplatz stehen und daraus "immer neue Geschichten zaubern". Zudem seien Sportreporter enger mit den Akteuren verbunden als Redakteure anderer Branchen. "Kumpanei macht betriebsblind", warnt Zwingmann, "das fängt bei der Duzerei an." Dass es Sportjournalisten in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht haben, ist spätestens seit Waldemar Hartmanns vertraulichen Interviews mit Bayern-Spielern bekannt.

"In meiner Sendung wird gesiezt", stellt Johannes B. Kerner klar. Der Moderator des "Aktuellen Sportstudios" und langjähriger Präsentator der Fußball-Show "ran" räumt zwar ein, dass er viele Spieler duzt. Im Studio sei das aber "unangebracht". Die Verbreitung von Gerüchten schiebt Kerner eher den Printmedien zu, da das Fernsehen nur Original-Zitate bringen könne. "Wenn der Hoeneß in die Kamera sagt, dass der Daum kokst, können wir das senden", sagt Kerner, "ansonsten nicht". Im "Aktuellen Sportstudio" vom Wochenende war die Affäre jedenfalls kein eigenständiges Thema.

Für Kerner ist die Sache eigentlich ganz einfach: "Es gibt korrekte Journalisten und es gibt Schweinejournalisten."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben