Medienstrategie : Die Podcast-Kanzlerin

Angela Merkel und die Medien: Überlegungen zum innigen Zusammenhang von politischer Position und Inszenierung.

Bernd Gäbler
Merkel
Die Bundeskanzlerin erklärt den Bürgern einmal in der Woche die Innenpolitik - im Internet per Videobotschaft. -Foto: dpa

Wohlfeil ist es zurzeit, über Angela Merkel Anerkennendes zu äußern. Unbedingt erinnert werden muss deswegen vorab an die Grundausstattung des politischen Spitzenpersonals auch und gerade in der Demokratie. Elefantenhaut, eiserne Nerven und einen macchiavellistischen Machtinstinkt darf man auch bei der ostdeutschen Pfarrerstochter getrost als gegeben annehmen. Dennoch hat sie mehr verändert als nur Koalitionen und Machtverhältnisse – sie hat die Stilistik des Regierens neu justiert. Und das ist das eigentliche Geheimnis ihrer Medienstrategie.

Rhythmus und Bilder. So präsentierte sich die Kanzlerin in Heiligendamm: Strahlend stand sie allein vor dem weißen Haus, bereit die Welt zu empfangen. Oder: mitten im Groß-Strandkorb sortiert sie die mächtigen Herren. Bilder sind selten pure Manipulation oder allein das Resultat raffinierter Intrigen. Eher suchen die Medien symbolische Bilder, die Zustände illustrieren. So verstärken sie Trends. Nicht hängende Mundwinkel und müde Augen, sondern bunte Jacketts und fröhlicher Charme bestimmen das aktuelle Bild der Kanzlerin. Sie bietet solche Bilder an. Wichtiger aber ist: Sie biedert sich nicht an. Das Team um Büroleiterin Brigitte Baumann, Regierungssprecher Ulrich Wilhelm und Medienberaterin Eva Christiansen beherzigt die oberste Regel aller souveränen Medienstrategie: den Rhythmus selbst bestimmen, sich nicht vorführen oder bedrängen lassen. Unabhängig davon, wie eng das Netzwerk sein mag, ob und wann ein Telefonat der Kanzlerin mit Friede Springer oder Liz Mohn Wunder bewirkt, hält Angela Merkel eine angemessene Distanz zum nervösen Medienbetrieb. Zurzeit bestimmt sie den Rhythmus der Berichterstattung und dominiert die Bilder.

Die Podcast-Kanzlerin. Woche für Woche versorgt sie das Wahlvolk mit einer Video-Botschaft. Wichtiger als der vermeintliche Dialog mit den Wählern ist aber, dass sich Angela Merkel so eine gewisse Hoheit darüber sichert, zu welchem Thema sie wie zitiert wird. Gerne werden ein paar der von ihr ja bereits autorisierten Zappelbilder in aktuelle TV-Berichte oder die Sonntagssendungen aus Berlin eingearbeitet. Durch ihr reges SMS-Regiment ist bekannt: Die Naturwissenschaftlerin ist ungebrochen technikaffin. Dennoch wirken die Video-Ansprachen noch immer etwas ungelenk, aber diesbezüglich muss sie den Online-Vergleich selbst mit eleganteren Rednern wie Matthias Platzeck nicht scheuen.

Form und Inhalt. Es gab eine Hochzeit des politisch-medialen Diskurses, da wurde viel hineininterpretiert ins Inszenieren und geheimnisumwitterte Wirken der Spin Doctors aller Art. Am Ende empfahlen die Medienberater aber meist doch nur, in der Talkshow lange Socken zu tragen oder auf Mineralwasser ohne Kohlensäure zu bestehen, viel zu lächeln, Treppen nur heraufzugehen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie redigierten Interviews, weil Botschaften eingehämmert werden mussten und besorgten freundliche Home-Storys. So verselbstständigt sich die Ebene der Inszenierung leicht gegenüber den Inhalten. Dies hat sich mit der medialen Präsenz Angela Merkels verändert. Zwischen Form und Inhalt klaffen keine Gräben. Dies scheint die SPD, der es zurzeit medial noch schlechter geht als real, nicht zu begreifen.

Triangulation. So wirft Peter Struck der Kanzlerin von Mal zu Mal vor, sie führe zu wenig, agiere zu wenig als Kanzlerin, zu sehr als CDU-Chefin. Damit verfehlt er genau die Spezifik dessen, was Angela Merkels Stärke ausmacht. Sie hat nämlich das internalisiert, was Dick Morris, der ehemalige Berater des US-Präsidenten Bill Clinton, in seinem noch immer lesenswerten Buch „Behind the Oval Office“ als Strategie der „Triangulation“ darlegte. In einem Dreieck ist immer nur eine Spitze oben. Führung bedeutet nie, neutral zu sein, aber stets, eine Position über den streitenden Parteien und Fraktionen einzunehmen. Maoistisch gesprochen: vom Berg aus zusehen, wie die Tiger im Tal kämpfen. Wenn also Kurt Beck – von der CDU nicht ganz ohne Witz als „Mecker-Beck“ tituliert – Angela Merkel kritisiert, lässt diese Kauder oder Pofalla antworten. So bleibt die SPD stets Fraktion.

Merkel ist Deutschland. Fast zwangsläufig wirkt es kleinkariert, wenn ein Regierungspartner an den außenpolitischen Erfolgen der Kanzlerin herumdeutelt. Als erste Außenpolitikerin repräsentiert sie nun einmal uns alle in der Welt. Da sie dies nicht offenkundig tapsig oder schlecht macht, ist das Angela Merkels größter Vorteil: Sie ist Deutschland. Ob zu Anfang bei der Einigung über einen EU-Haushalt, in Heiligendamm oder während der EU-Präsidentschaft – sie ist erfreulich frei von Attitüden und Allüren. Noch vor wenigen Monaten konnte gezweifelt werden, ob sie den großen Aufgaben gewachsen sei. Nach Verhandlungsnächten und schweren Entscheidungen taten Schröder und Fischer stets, als hätten sie gerade Löwen gebändigt. Angela Merkel kommt zurück wie ein Monteur von der Baustelle. Sie hat die Einzelteile passend gemacht und alle Partikularinteressen zusammengeschraubt. Angela Merkel ist Deutschland in der Epoche des postheroischen Regierens.

Merkel ist Mitte. Würde Angela Merkel sich in erster Linie als Exekutorin ihres Leipziger Parteitags begreifen, wäre sie Flügel-Exponentin. Stattdessen sorgt sie dafür, dass das immer die anderen sind: von der Leyen und die Katholiken, Ursula Schmidt und die Ärzte, Müntefering und Glos. Sie setzt sich an die Spitze, indem sie die Mitte besetzt. Noch im Wahlkampf lautete ein schlagendes SPD-Argument, dass Deutschland gegen die drohende marktradikale Schlagseite nur durch eine starke SPD seine Balance halten könne. Jetzt lässt Kurt Beck Aufsätze zum Thema: „Was ist neoliberal?“ schreiben und publizieren. Das interessiert keinen. So besetzt Angela Merkel unangefochten die Mitte. Nur sie repräsentiert die große Koalition.

Die Themen der anderen. Um Mitte bleiben zu können, muss die politische Führung stets die Themen der anderen Seite im Blick haben. Deswegen war Otto Schily eine der Wunderwaffen im Schröder-Kabinett. Am besten bietet sie zu den wichtigsten Themen der politischen Konkurrenz Lösungen mit den eigenen Mitteln an, im Falle der CDU/CSU also zum Beispiel: Kernkraft als Antwort auf den Klimawandel, mehr Marktwirtschaft für das Gesundheitswesen oder mehr Wettbewerb in der Bildung. Für das Problem des Lohndumpings sucht die Mitte noch überzeugende Lösungen. Simples Vertagen wäre hier für Angela Merkel zu wenig.

Machen statt verheißen. Noch vor kurzem war die Ansicht verbreitet, dass Angela Merkel zwar mit naturwissenschaftlicher Präzision denke, im Auftreten aber gelegentlich unsicher wirke. Durch das Amt hat sich dies geändert. Bis weit in den frühen Morgen hatte der Koalitionsausschuss getagt, der EU-Gipfel stand bevor. Dennoch kam sie morgens pünktlich nach Köln, um ein Referat über Medienpolitik zu halten. Darin war viel einerseits und andererseits enthalten; wenig basta, erst recht keine Vision – und dennoch wirkte sie überzeugend. Warum? Sie streut persönliches Erleben ein, vor allem aber nimmt sie den Mund nicht zu voll. Sie zerlegt Politik in eine Abfolge machbarer Schritte und sachgerechter Verwaltung. So kann sie überzeugen und Einvernehmen herstellen, kaum aber begeistern oder mobilisieren. Angela Merkel lebt noch davon, dass die Ära zuvor von Pathos, großen Worten und jähen Wendungen geprägt war. Erleichtert registriert der Bürger nun eine neue Nüchternheit.

Diese innige Nähe von politischer Aussage und bescheidener Selbstdarstellung macht ihren Stil und ihre aktuelle Medienstrategie aus. Deswegen wirkt Angela Merkels Lächeln zurzeit charmant und bleiben die Fotos mit den hängenden Mundwinkeln vorerst im Archiv.

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