Medien : Medizintouristen und MP3-Jünger

Tom Peuckert

Es gibt Orte, die wollen wir nicht unbedingt mit eigenen Augen sehen, obwohl sie uns brennend interessieren. Das Kriminalgericht Moabit dürfte so ein Fall sein. Wir lauschen gebannt, wenn etwas nach draußen dringt, aber wer möchte dort schon selbst von einem Justizwachtmeister vorgeführt werden? Unsere scheue Neugier lässt sich jetzt im Radio befriedigen. Annette Wilmes ’ Feature „Richter und Gerichtete“ erzählt aus dem Innenleben dieser ehrwürdig düsteren Institution. Vor genau 100 Jahren wurde das Kriminalgericht Moabit gegründet. Lange Flure und stickige Säle, riesige Archive in den Kellern, aber vor allem eine ungeheure Flut von Schicksalen, die jeden Tag hier anbrandet. Tucholsky nannte Moabit einst eine „Justizfabrik“. Was ist es heute? Die Autorin unternimmt einen Streifzug durch Geschichte und Gegenwart von Europas größtem Strafgericht (Kulturradio, 5. April, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Einige von uns sind längst bei polnischen Zahnärzten gewesen, um die Kosten für eine dentale Runderneuerung zu senken. Aus der Fremde brachten sie funkelnde Zähne mit und meist auch ein paar abenteuerliche Storys. Aber Feature-Autor Juri Ginsburg ist noch weiter herumgekommen. Als „Medizintourist“ ist er bis nach Moskau gefahren, um sich dort von einem privaten Dentisten behandeln zu lassen. Wie ergeht es einem Mann, der AOK-Standards gewöhnt ist, mit der russischen Zahnmedizin? Wartet in Moskau Zahngold zum Schnäppchenpreis? Oder liegt noch immer der alte Narkose-Hammer bereit? Wer mehr wissen will, sollte Ginsburgs informatives Feature „Russisches Zahnweh“ nicht verpassen (Kulturradio, 8. April, 9 Uhr 05).

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Um die Weltverbesserei ist es ein bisschen still geworden. Der Geist der Utopie scheint schwer beschädigt durch die misslungenen Sozialexperimente des 20. Jahrhunderts. Es dominiert neoliberale Trost- und Hoffnungslosigkeit. Aber kann der Mensch wirklich aufhören, von einer grundsätzlich besseren Gesellschaft zu träumen? In ihrem Feature „Eine andere Welt ist möglich“ bilanzieren Inge Braun und Helmut Huber die jüngere Geschichte unserer Utopien. Sie erzählen von zornigen Alten und rebellischen Jungen, von träumerischen Lebensentwürfen und ganzheitlichen Enttäuschungen. Von Utopien, die tatsächlich alles auf den Kopf stellen wollten, und anderen, die im Rückblick nur als eine Art utopischer Pausensnack erscheinen (Deutschlandradio Kultur, 8. April, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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Was sich hinter dem Kürzel MP3 verbirgt, ist jedem Deutschen ab – sagen wir – Jahrgang 1975 geläufig. Wer älter ist, hat vielleicht schon den Durchblick verloren. Eine ganz neue Kultur des Musiksammelns und Musikhörens hat sich um die MP3-Technologie entwickelt. Der normale Nutzer trägt enorme musikalische Datenbanken bei sich, das meiste davon hat er sich aus den Tiefen des Internets zusammengeraubt. Hans-Peter Metzlers Feature „Generation MP3“ erkundet die Welt der leidenschaftlichen User. Der Autor spricht mit Piraten der ersten Stunde, aber auch mit Sozialforschern und Repräsentanten des Musikgeschäfts. Das Feature liefert solide technische Aufklärung und zugleich die Grundzüge eines Generationenporträts (Deutschlandradio Kultur, 10. April, 0 Uhr 05).

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Haben Sie schon mal einen Bittbrief geschrieben? Oder kennen Sie sich nur mit Forderungen aus? Es gab eine Zeit, da schrieben Leute inbrünstige Bitten an Höher- und Bessergestellte. Sie hatten nichts zu fordern, aber vielleicht fand ja ihr Flehen Gehör. In der schönen Hörstück-Serie „Briefe eines Jahrhunderts“ sind nun die Bittbriefe an der Reihe. Oskar Kokoschka bittet inständig um höchste Authentizität bei der Anfertigung einer Puppe, die seiner Geliebten Alma Mahler-Werfel aufs Haar gleichen soll. Kreszentia Mühsam bittet Lenin um Hilfe für ihren Mann Erich. Der Filmregisseur Konrad Wolf bittet die DDR-Regierung um Gnade für den abrissgefährdeten Marstall in Potsdam. Die Bittbriefe sind Dokumente ihrer Zeit und zugleich Porträts der Autoren und jener, an die sie geschrieben wurden (Kulturradio, 10. bis 13. April, jeweils 14 Uhr 15).

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