Medien : Mehr als Punk

Die Entdeckung des Filmtheaters: Matthias Schweighöfer versucht sich als „Baal“

Kerstin Decker

Die Welt ist ein Exkrement Gottes. Auch das ist eine Umschreibung für den Tatbestand der Schöpfung. Die Tonlage wäre klar. Nur ist gegen das Schöpfertum des Künstlerviehs Baal-Brecht Gott höchstens ein Anfänger. Arte und der ZDFtheaterkanal haben eine neue Kunstform erfunden. Oder sagen wir: nacherfunden, wie neu erfunden – den Theaterfilm. Holt das Theater von der Bühne! Aber so, dass es Theater bleibt, egal ob in Sonnenblumenfeldern oder Fabrikhallen. Das Übersteigerte, die Exstase des Ausdrucks, die jeden Serienkonsumenten tief erschreckt – hier wird sie Ereignis. Und wenn das Theater Schnitte hätte, es hätte solche wie Janson.

Regisseur Uwe Janson hat kongeniale Baal-Bilder gefunden, immer ganz Film, ganz Theater. Die Lichtregie ist umwerfend künstlich. Kein Film, der Wirklichkeit simuliert, dürfte sich solche Beleuchtung leisten. Janson darf. Denn für nichts hat Baal, hat Brecht, hat Janson (hat das Theater) größere Verachtung als für die Wirklichkeit. Gegen das Leben, das das Menschenvieh Baal durchrast, ist jede Wirklichkeit scheintot. Nur Kulisse. Also darf man sie ruhig wechseln. Jede Jugend ist zeitgenössisch. Brecht kannte noch keine E-Gitarren, keine Punk-Band, sonst hätte er welche genommen. Aber dieser Baal ist unverkennbar ein Punker. Auch wenn der Punk nie einen Poeten vom Schlage eines Francois Villon hervorgebracht hat. Schon Villon war wie Brechts Baal Kant für Unterschichten: Wenn du betrunken in der Gosse liegst, kannst du immer noch in den bestirnten Himmel über dir aufblicken. Vielleicht wachsen daraus keine kategorischen Imperative mehr, dafür aber große Dichtung? Der Punk hatte bloß nicht mehr die Sprachgewalt, die Brecht noch besaß. Diese Baal-Inszenierung nimmt beides: den ganzen Brecht, die ganze Gegenwart, den ganzen Himmel und die ganzen Sonnenblumenfelder. Eine sehr schöne Raserei. Und natürlich ist sie (wie bei Villon) auch Raserei gegen sich selbst. Was bleibt denn vom Künstlervieh? Ein Fettfleck am Himmel.

Aus all dem folgt nur eine Schwierigkeit. Alles hängt an Baal wie schon bei jeder herkömmlichen Baal-Inszenierung. Matthias Schweighöfer ist Baal. Er muss eine Welt in sich hineinsaufen, egal, dass er überfließt. Nach Brecht schluckt er noch den Tod hinunter. Schweighöfer ist sehr jung, das ist gut. Er hat den lüsternen Mund, den es braucht, um das zu tun, was Baal in „Baal“ außerdem vollbringen muss: erst Emilie verführen, die Frau eines anderen, dann Johanna, Emilie demütigen, dann Johanna, weshalb Johanna ins Wasser geht, Emilie überlebt, dann sind da noch zwei Schwestern – Brecht eben. Alfred Kerr sagte nach der Uraufführung in Leipzig trotzdem konsequent „Herr Baal“ und nannte dessen Welt ein „Elefantenidyll“. Natürlich hat Brecht bereits eine typische Brecht-Entschuldigung für seinen Helden: Asozial sei er schon, aber schließlich „asozial in einer asozialen Gesellschaft“. Außerdem ist „Baal“ ein Gegenentwurf. Der vergessene Dichter Hanns Johst, der später als Verfasser einiger Hitler-Hymnen auffallen wird, hatte gerade ein hehres Künstlerdrama geschrieben mit dem Titel „Der Einsame“. Und die ganze Wüstenei des „Baal“ (1923) erklärt sich nicht zuletzt aus Brechts geradezu körperlicher Abneigung gegen hehre Künstlerdramen mit solchen Namen. Das muss Baal auch mitspielen, den ganzen Anti-Johst. Und das ist zu viel für Matthias Schweighöfer. Nun gut, der ganz und gar unelefantische Brecht hätte seinen Baal auch nicht spielen können. Schweighöfer gibt ihn als pubertären Charakter. Das ist nicht unrichtig. Aber Baal ist eben mehr als Punk.

Und das ist der punkfernste Punkt der Figur: Hier kommt es nicht nur darauf an, die Welt zuschauen zu lassen, wie übel einem von ihr wird. Wie man sie ausspeit. Dieser Baal ist ein Besessener. Ein Entgrenzungsereignis. Mindestes so flüssig will er werden wie der Schnaps, den er trinkt. Dauernasses Haar und feuchte Halbnacktheit von Anfang bis Ende genügen da nicht. Den Besessenen, den Wahnhaften glaubt man Schweighöfer nicht. Er kokettiert damit, und das ist ungefähr das Schlimmste, was dem Menschenfresser Baal, der am Ende sich selbst fressen muss, passieren kann.

Trotzdem. Die Form des Filmtheaters oder des großen Fernsehfilmtheaters ist eingeführt. Und sie ist großartig. Denn Theater ist eine Hochenergieleistung, deren Übertragungsverluste bei bloßer Bühnenansicht im Fernsehen noch immer zu hoch sind.

„Baal“, Arte, 20 Uhr 45

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