Medien : Mehr Druck

Springer-Verlag startet Wochenzeitung in Berlin

Sonja Pohlmann

Der Axel-Springer-Verlag startet in Berlin ein neues Zeitungsprojekt. Vom 20. September an will der Verlag jeweils samstags die „Berliner Morgenpost Wochenend-Extra“ in eine Million Haushalte von der Post verteilen lassen. Auf 16 Seiten werden im kleineren Tabloid-Format in dem Gratisblatt Artikel versammelt, die bereits in der zurückliegenden Woche im Lokalteil der „Berliner Morgenpost“ erschienen sind. Hinzu kommen Veranstaltungstipps und das TV-Programm fürs Wochenende.

Dass Springer damit einen Tabubruch in der deutschen Zeitungsbranche begeht und eine Gratiszeitung auf den Markt bringt, die bisher vom Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner vehement abgelehnt wurde, bestreitet der Verlag: „Die ,Berliner Morgenpost Wochenend-Extra‘ ist keine Gratiszeitung, sondern eine neuartige Zeitungskonzeption eines Anzeigenblatts, mit dem wir neue Leser gewinnen wollen“, sagte Sprecher Dirk Meyer-Bosse. Die „Berliner Morgenpost“ hatte im zweiten Quartal 2008 mit 147 156 Exemplaren im Vergleich zum Vorjahresquartal 2,17 Prozent Blätter weniger verkauft. Zeitlich befristet ist das Projekt nach Verlagsangaben nicht. Das „Wochenend-Extra“ sei aber kein Vorläufer für eine echte Gratiszeitung. „Für uns gilt weiterhin die Devise, dass jeder Tag ohne Gratiszeitung ein guter Tag ist“, sagte Meyer-Bosse.

Neue Leser sind jedoch nicht das einzige Ziel, das der Axel-Springer-Verlag mit seinem neuen Blatt anstrebt. Viel attraktiver dürften die zusätzlichen Werbeeinnahmen sein, die sich der Verlag durch die Millionenauflage erhofft. „Natürlich entwickelt man ein solches Angebot auch, um damit wirtschaftlich erfolgreich zu sein“, sagte der Sprecher.

Revolutionär sind die Springer-Pläne nicht. „Bereits die ,Neue Westfälische‘ und die ,Sächsische Zeitung‘ versuchen mit ,Best Of‘-Ausgaben neue Leser zu locken, vor allem aber ihre Reichweite zu erhöhen und attraktiver für Werbekunden zu werden“, sagte Hans Joachim Fuhrmann vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. In Zeiten, in denen viele Zeitungen mit sinkenden Auflagen zu kämpfen haben, müssen sie nach neuen Erlöswegen suchen. In Berlin landen schon jetzt mehrmals wöchentlich mehr oder weniger erwünschte Anzeigenblätter in den Briefkästen: mittwochs erscheint die „Berliner Woche“, ebenfalls vom Springer-Verlag herausgegeben, samstags verteilt der Berliner Verlag sein Anzeigenblatt „Berliner Abendblatt“ an 1,2 von insgesamt rund 1,9 Millionen Berliner Haushalte. Die künftig ebenfalls samstags erscheinende „Berliner Morgenpost Wochenend-Extra“ sei aber keine Gegenoffensive, um dem „Abendblatt“ Anzeigenkunden abspenstig zu machen. Ohnehin sei das „Wochenend-Extra“ durch seinen redaktionellen Teil nicht mit klassischen Anzeigenblättern vergleichbar.

Tagesspiegel-Geschäftsführer Frank Lüdecke erwartet von dem neuen Zeitungsprojekt, dass der „Wettbewerbsdruck auf dem ohnehin unter Druck stehenden Berliner Zeitungsmarkt“ noch weiter zunimmt. „Wir werden die Entwicklung genau beobachten und prüfen, mit welchen Maßnahmen wir gegebenenfalls dagegenhalten“, sagte Lüdecke. Der Berliner Verlag wollte sich zu den Plänen des Springer-Verlags nicht äußern.

Die Deutsche Post freut sich auf den neuen Auftrag. Noch bis vor kurzem standen sich die Unternehmen eher feindlich gegenüber. Döpfner wollte der Post mit dem Briefzustellerdienst Pin AG Konkurrenz machen. Sein Vorhaben konnte Döpfner nicht wie gewünscht realisieren, jetzt wird die gute Zusammenarbeit betont. „Die Post kann ein Produkt in einer solch großen Auflagenhöhe schneller und sicherer zustellen als unser eigenes Vertriebssystem“, sagte Meyer-Bosse. Und es gibt noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Weil das „Wochenend-Extra“ durch seine redaktionellen Artikel als Presseprodukt gilt, kann es auch an Haushalte verteilt werden, die keine Reklame wünschen. Sonja Pohlmann

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