Medien : Mehr Fußball war nie im Fernsehen

Die ARD und ZDF berichten 140 Stunden lang von der EM 2004 in Portugal

Thomas Gehringer

Länger, teurer – und auch besser? Mit der Berichterstattung von der Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal läuft sich das Fernsehen warm für das Großereignis WM im eigenen Land 2006. Vor vier Jahren beschränkten sich ARD und ZDF noch auf rund 94 Stunden Berichterstattung, für die Euro 2004 (12. Juni bis 4. Juli) räumt allein das Erste 75 Stunden in seinem Programm frei. „Das Interesse des Publikums an der Vor- und Nachberichterstattung ist gewachsen“, erklärt ARD-Teamchef Heribert Faßbender. Beim ZDF sind es, inklusive des Comedy-Formats „Nachgetreten“, noch einmal 65 Stunden. Dabei bleibt die Zeit für Live-Fußball gleich: Alle 31 Spiele sind im Free-TV zu empfangen – vielleicht das letzte Mal bei einem Fußball- Großereignis.

Schon bei der WM 2002 war ein großer Teil der Partien nur bei Premiere zu sehen, und die Verhandlungen für 2006 sind noch nicht abgeschlossen. Unterdessen sind auch die Rechtekosten für Europameisterschaften explodiert. Allein für die Euro 2004 muss die Europäische Rundfunk Union (EBU) etwa 500 Millionen Euro an den Fußball-Verband Uefa zahlen, deutlich mehr als vor vier Jahren. Als Mitglieder der EBU werden auch ARD und ZDF weitaus tiefer in die Schatulle greifen müssen, kommen dabei aber „immer noch wesentlich günstiger weg als bei einer Weltmeisterschaft“, wie Dieter Gruschwitz vom ZDF erklärt. Die Mainzer rechnen mit Kosten in Höhe eines „gut zweistelligen Millionenbetrags“. Besonders schmerzlich für die Sender ist, dass die Uefa die Einnahmen vom TV-Sponsoring nun selbst einstreicht.

Gleich am ersten Spieltag steht das Erste Programm bis 23 Uhr 30 nonstop im Zeichen des Fußballs: Das Eröffnungsspiel zwischen Portugal und Griechenland am 12. Juni wird um 18 Uhr angepfiffen, doch bereits ab 12 Uhr 05 geht die ARD auf Sendung. Nach einer Ausgabe von „Euro extra: Die Rückblicke“geht es um 13 Uhr zur deutschen Mannschaft nach Faro. Während sich das ZDF dort allein auf Reporter Rene Hiepen verlässt, werden in der ARD Waldemar Hartmann und der Bremer Ex-Profi Marco Bode Neuigkeiten aus dem Quartier der Völler-Elf präsentieren. „Gesprächspartner“ Bode, so die offizielle ARD- Bezeichnung, will „nicht als distanzierter Journalist auftreten“, sondern „meinen Stil beibehalten, also häufig auch beide Seiten sehen“. Immerhin: Der 34-jährige Ex-Nationalspieler zählte schon während seiner aktiven Zeit zu dem im Profi-Fußball überschaubaren Kreis an klugen und meinungsfreudigen Gesprächspartnern. Auch Waldemar Hartmann freut sich schon: „Wenn dann ein Teamchef wieder von drei Weizenbier spricht, kann ich zumindest sagen, dass ich zwei davon mit Bode getrunken habe.“ Erstmals am Eröffnungstag begrüßt auch Monica Lierhaus mit dem Talkformat „Ballkontakt“ (15 Uhr) prominente Fans zu einer „bunten, unterhaltsamen Mischung rund um den Fußball – für Männer und Frauen“, wie sie betont. „Sportschau“-Moderatorin Lierhaus, eine von zehn Frauen in dem 66-köpfigen Redaktionsteam des ARD-Fernsehens in Portugal, muss sich also vorerst mit dem Fußball-Boulevard begnügen. Vor der Eröffnungsfeier (17 Uhr 30) zeigt die ARD „Berichte und Interviews“ und vertraut dabei weiter auf das Gespann Gerhard Delling / Günter Netzer, die in einem neuen, mobilen Studio nun jeweils vor Ort sein werden. Das ZDF bietet dagegen als Studio-Experten an neun Tagen Franz Beckenbauer. Im Ersten sind die beiden deutschen Vorrundenpartien gegen Lettland (19. Juni / Reporter: Steffen Simon) und Tschechien (23. Juni / Reinhold Beckmann) sowie das Halbfinale mit deutscher Beteiligung zu sehen, falls sich die Deutschen qualifizieren. Das ZDF darf das Schlagerspiel gegen die Niederlande (15. Juni / Johannes B. Kerner), eine mögliche Viertelfinalpartie mit Deutschland sowie das Endspiel (4. Juli/Bela Rethy) zeigen.

Im Vorfeld gab es freilich zwischen dem in der ARD federführenden WDR und dem ZDF Unstimmigkeiten: Eine gemeinsame Präsentation vor der Presse kam nicht zustande, weil Beckenbauer bei dem Termin gestern in Köln verhindert war, „und der WDR einer Bitte um Verlegung nicht nachkommen konnte oder wollte“, wie Gruschwitz spitz bemerkt. Da möchte man, wie gestern Heribert Faßbender in Köln, die Dortmunder Fußball-Legende Adi Preißler zitieren: „Entscheidend is’ auf’m Platz.“

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