Medien : Mein Multi-Kulti-Irak

Caroline Fetscher

Endlich, Freitagabend, gab es die Sensation in diesem Krieg. Auf allen Sendern sahen wir US-Außenminister Colin Powells Rede: „Liebe Iraker“, sagte er, „geschätzte Schiiten: Wir, die USA, entschuldigen uns bei Ihnen dafür, dass wir Ihren Aufstand gegen Saddam Hussein 1991 nicht unterstützt haben!“

Großartig. Auf diese Worte haben wir gewartet. „Diesmal“, fuhr der Diplomat fort, „bleiben wir bei Ihnen und bei allen Demokraten der arabischen Welt, solange, bis Saddam fällt. Wir haben große außenpolitische Fehler gemacht – aber dazugelernt. Wir verstehen Ihre Enttäuschung. Verzeihen Sie uns! Vertrauen Sie uns heute.“

Man traute Augen und Ohren nicht: Die erlösenden Worte. Neben Powell stand ein irakischer Exil-Intellektueller. Auch der sprach zur Weltpresse: „Im Namen von vier Millionen vertriebenen Irakern, im Namen der einen Million Menschen, die von Husseins Regime ermordet wurden.“ Er rief seine Landsleute auf, alle Militär-Aktionen sofort zu beenden. „Wir brauchen Zukunft!“ rief der Dichter. Sogar die Journalisten waren bewegt.

Der Abend wurde noch erstaunlicher. In einem ARD-Brennpunkt debattierten sechs Völkerrechtler die Lage. Hochinteressant, keine Sekunde leeren Geredes. In den Spätnachrichten erschien auch noch ein UN-Sprecher, der erfreut mitteilte, die USA hätten heute zugestimmt, den Nachkriegs-Irak sofort unter UN-Mandat zu stellen. „Keine Frage“, erklärte Donald Rumsfeld dazu: „Die Uno muss ihre Hauptrolle zurückerhalten.“

Liebe Zuschauer: All das ist Ihnen entgangen? Sie haben es nicht gehört, nicht gesehen? Tja. Sorry. Ich habe das wohl geträumt. Aber vielleicht, wenigstens, könnten die Sender der Welt den Dokumentarfilm „Forget Bagdhad“ des Irak-Schweizers Samir zeigen. Vier alte Männer aus Bagdad, Juden aus dem Irak, leben heute in Israel, sprechen arabisch und hebräisch, und lieben ihre Heimatstadt noch immer: Das multikulturelle Bagdad, das es einmal gab. Das ist nicht geträumt. Das gibt es. Obwohl es auch ziemlich utopisch aussieht.

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