Meinungsforschung : Umfrageergebnisse geben Rätsel auf

Wenn Meinungsforschung auf Wirklichkeit trifft: In der Guttenberg-Affäre geben die Umfrageergebnisse nicht nur den Experten Rätsel auf.

Markus Ehrenberg, Pia Frey
Überraschend? Die Öffentlichkeit urteilt trotz der Plagiatsaffäre nicht so streng über Guttenberg – wenn man den Meinungsumfragen für die Talkshows glauben darf.Screenshot: Tsp
Überraschend? Die Öffentlichkeit urteilt trotz der Plagiatsaffäre nicht so streng über Guttenberg – wenn man den Meinungsumfragen...

Warum fallen die Umfragen zur Guttenberg-Affäre so unterschiedlich aus? Das wollte die „Bild“-Zeitung in ihrer Freitagsausgabe wissen und wies dabei auf eine Merkwürdigkeit im eigenen Haus hin. Bei der vorausgehenden Telefonabstimmung, zu der die Boulevardzeitung ihre Leser aufgerufen hatte, sagten 87 Prozent: „Ja, wir stehen zu Guttenberg.“ Anders auf bild.de, dort votierten bis Freitagmittag 57 Prozent der User für einen Rücktritt des Verteidigungsministers, der wegen einer zu großen Teilen plagiierten Doktorarbeit seit über einer Woche heftig in der Kritik steht. Vergleichbare Rücktrittserwartungen ergaben auch Online-Abstimmungen anderer Zeitungsportale.

Nun sind solche Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen, zumal bei Internet-Votings wiederholte Klicks oder andere Manipulationen möglich sind. Seltsam im Falle Guttenberg ist vor allem, dass die Umfragen der Meinungsforschungsinstitute eindeutig von einem ungebrochenen Rückhalt Guttenbergs in der Bevölkerung zeugen. So am Mittwoch via Infratest dimap bei „hart aber fair“ und am Donnerstagabend via Forschungsgruppe Wahlen im Talk von Maybrit Illner.

An der Aussagekraft solcher Umfragen im Unterschied zu Online-Abstimmungen lässt Forsa-Chef Manfred Güllner keine Zweifel aufkommen. Die Abfrage von sozio-demografischen Merkmalen und die systematische Zufallsauswahl garantierten valide Ergebnisse. „Natürlich können auch uns Fehler unterlaufen“, sagt der Meinungsforscher. „Ich wäre ein schlechter Forscher, wenn ich nicht jedes Ergebnis herbeifragen könnte, was ich mir wünsche. Ich wäre ein noch schlechterer Forscher, wenn ich dies auch täte.“ Güllner zufolge lässt sich die öffentliche Meinung nicht durch Umfragewerte beeindrucken, wie das bei Guttenberg öfter mal vermutet wird.

Es gebe beispielsweise keinen empirisch nachweisbaren Einfluss von veröffentlichten Umfragewerten auf das Wahlverhalten. Andererseits sei die aktuell von Forsa geführte Guttenberg-Umfrage für den nächsten „Stern“ bei Veröffentlichung vier Tage alt. Von Montag bis Donnerstag könnten neue Fakten ans Licht gekommen sein, von denen die rund 1000 Befragten zum Zeitpunkt der Forsa-Umfrage nichts wussten. Güllner glaubt, dass der Sympathiepanzer von Guttenberg nach und nach abgebaut werde.

„Meinungsumfragen etwa von infratest Dimap – wie wir sie für unsere Sendung zum Thema Guttenberg in Auftrag gegeben haben – sind repräsentativ“, sagt „hart-aber-fair“-Moderator Frank Plasberg. Da seien sowohl der „Bild“-Leser als auch der „FAZ“-Abonnent dabei. „Aber: Auch repräsentative Umfragen sind immer nur eine Momentaufnahme. Dieselbe Frage einen Tag später gestellt, kann zu einem ganz anderen Ergebnis führen – etwa wenn es neue Informationen zum Thema gibt.“

Michael Spreng, ehemaliger Chefredakteur „Bild am Sonntag“ und Wahlkampf-Berater von Edmund Stoiber, sieht mehrere Faktoren, die die Meinung bestimmen oder verändern können. Von früheren Skandalen wisse man, dass Umfragewerte im Lauf der Zeit abbröckeln, wenn die Bürger im Familienkreis, am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Uni und unter dem Einfluss der Medien ihre Meinung noch einmal überprüfen. Zu Guttenberg sei allerdings „der erste deutsche Fan-Politiker“, sagt Spreng. Er könne sich auf die Unterstützung von Millionen Fans verlassen. Sie stünden umso treuer zu ihrem Idol, je heftiger die Angriffe seien. Nach Sprengs Ansicht sind diese auch der Grund, warum ihn CDU und CSU stützen müssen, um sich nicht den Zorn der Guttenberg-Fans bei den kommenden Wahlen zuzuziehen. „Die Umfragen wiederum bestärken die CDU/CSU in ihrer Unterstützung für zu Guttenberg.“ So schließe sich der Kreis.

Vielleicht sind es aber auch gar nicht so sehr die Meinungsforscher, Medien und Medienmacher, die neben dem Minister unter Verdacht stehen. Vielleicht sollten sich die Politiker an die eigene Nase fassen. „Es gibt eine einfache Erklärung für Guttenbergs stabil gute Umfragewerte auch nach der Enttarnung als Lügner: Das wussten die Leute schon vorher“, sagt Friedrich Küppersbusch. Guttenberg als einem exponierten Vertreter der politischen Kaste, die in Gänze in Verachtung gefallen ist, werde offenkundig kollektiv unterstellt: „Die sagen nicht die Wahrheit, die tricksen und täuschen und gehen nach ,Anne Will’ alle zusammen einen trinken und lachen sich über ihr Theater schlapp.“ Kurz, so der ehemalige „ZAK“-Moderator und TV-Produzent: Dass Guttenberg lügt, das habe seine Fans nicht überrascht. Er lüge „,wie alle Politiker’, nur sieht er dabei besser aus und hat ’ne nette Frau.“

Über die können dann auch wieder „Bild“ und „Bunte“ schreiben.

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