Medien : Melancholie auf der Autobahn

„Mitfahrer“ mit Ulrich Matthes: Arte zeigt Episodenfilm über die Einsamkeit zwischen Köln und Berlin

Thilo Wydra

Autobahngeschichten: Die Figuren in Nicolai Albrechts Ensemblefilm „Mitfahrer“ wollen von Köln nach Berlin. Die Mitfahrzentrale hat sie zufällig zusammengewürfelt. Drei Autos, acht Insassen. Alle bewehrt mit Handys, auf denen unentwegt SMS eingehen. Sie fühlen sich gefragt und sind doch einsam.

Caroline (Anna Brüggemann) und auch der Afrikaner Hilal (Michael Ojake) kommen bei Peter (Ulrich Matthes) unter. Peter ist Handlungsreisender, er ist mit Modekatalogen und Damenwäsche unterwegs. Seine Frau will nicht mehr, dass er zum 18. Geburtstag der Tochter kommt, die Strecke kennt er in- und auswendig, und irgendwann fragt er die junge Caroline, welche Körbchengröße sie denn habe, er habe alles im Kofferraum dabei, von 65A bis 110D.

Und vielleicht ist dieser Peter, der unentwegt redet und seine Fahrgäste nach ihren Leben ausfragt, der Einsamste von ihnen allen. Hilal, der illegal hier ist, muss auf eine Hochzeit und hat einen großen klappernden Leuchter mit dabei. Und Caroline will einfach nur heim. Und weg von diesem halbseidenen Vertreter. In einem anderen Wagen sitzt die Schauspielstudentin Katharina (Jana Thies) am Steuer und hat zwei Mitfahrer an Bord. Katharina fährt nach Berlin, da sie zur Aufnahmeprüfung an die Ernst-Busch-Schule muss, und während der Reise spricht sie immer wieder die Dialogzeilen aus Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Ihre beiden Mitfahrer Sylvester (Ivan Shvedoff) und Fabian (Michael Wiesner) gehen Katharina mit dauerndem Palavern auf die Nerven – „das hier ist eine Mitfahrgelegenheit und kein Gesprächsseminar“. Sie lässt Sylvester irgendwann an einer Autobahnraststätte stehen, und als er bei der alleinerziehenden Mutter Loubelle (Ingrid Sattes) mit Tochter Rosa einsteigt, da scheint er sein Herz zu verlieren…

„Mitfahrer“ (Buch: Dagmar Gabler, Robert Löhr, Khyana El Bitar) ist ein Episodenfilm, eine Art „Short Cuts“ auf Rädern. Nicolai Albrecht geht diesen Menschen in seinem Langfilmdebüt nach, legt Kurzportraits von ihnen an, erzählt ihre Biographien fragmentarisch. Und irgendwann fällt auf, dass es allesamt Suchende sind. Reisende, nicht nur von Köln nach Berlin. Sie alle haben etwas verloren, und alle haben sie nicht wirklich jemanden, mit dem sie leben. Es ist diese Verlorenheit, die trotz manch humorvoller Dialoge eine Schwere über diesen Film legt, die melancholisch stimmt.

Später, als der Handlungsreisende Peter alleine fahren muss, alle ausgestiegen sind, und er abermals bei Mutter und Tochter anruft und abgewiesen wird, da fährt er in den Autobahngraben. Er überlebt, sein Kopf liegt im Airbag. Irgendwann steigt er langsam aus, und blickt in den blauen Himmel. Das Handy lässt er jetzt einfach klingeln.

„Mitfahrer“: Arte, 22 Uhr 45

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