Medien : Mensch, Menge

Am 10. April wird Wolfgang Menge 80. Höchste Zeit für Deutschlands erfolgreichsten Fernsehmacher, auf sein Medienleben zurückzublicken

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1930

Vorturner

Das Foto wurde auf der Terrasse meines Elternhauses in Hamburg-Blankenese gemacht. Ich bin da vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Erinnern kann ich mich zwar nicht, im Deutschen Turnerbund gewesen zu sein, aber der Stellung meiner Füße zufolge muss es wohl so gewesen sein. Den Dreimaster, den ich auf der Schulter trage, habe ich geschenkt bekommen. Später habe ich selbst welche gebaut, in der Schule.

1949/50

Springers Mann

Ich war junger Reporter im Lokalressort des „Hamburger Abendblatt“, als dem Verleger der Zeitung, Axel Springer, die Idee kam, ein Seifenkistenrennen zu veranstalten. Springer ist der Mann mit der Schirmmütze. Der Verleger hat bei Redaktionssitzungen auf seinem Schreibtisch gerne einen Kopfstand gemacht. Wir sollten das dann nachmachen.

1951

Fahrradliebe

Eine Liebe in jungen Jahren in Hamburg. Die junge Dame, Ingeborg Körner, eine Schauspielerin, zog es dann allerdings vor, einen älteren Herrn, Hans Wölffer, zu heiraten. So ist eine zarte Liebe hart getrennt worden. Dabei konnte ich mir zu dieser Zeit, es muss um 1951 gewesen sein, immerhin schon ein Fahrradradio leisten.

1955

Auf Bismarcks Rücken

1955 hatte ich das große Glück, mit dem Schiff von Genua nach Yokohama fahren zu dürfen. Das Schiff war ein Kombischiff von Hapag-Lloyd, das bedeutete 112 Passagiere und Fracht. In jedem Hafen haben wir fünf oder sechs Tage Halt gemacht. Als wir am Eingang des Suez-Kanals anlegten, habe ich mir zusammen mit einem Freund ein Taxi genommen. Wir sind drei Tage in Kairo geblieben und am Ausgang zum Roten Meer wieder an Bord gegangen. Bei diesem Ausflug ist es auch zum ersten und letzten Kamelritt meines Lebens gekommen. Das Kamel hieß – ich weiß nicht, warum – Bismarck.

1956

Clark Gable

1956: als Korrespondent der „Welt“ in Hongkong. Im Gegensatz zu den anderen Auslandskorrespondenten konnte ich mir keine eigenen Wohnung leisten. Aber ich bekam ein Zimmer im Correspondent Club. Kulisse für viele Filme mit internationalen Stars. Bei einem dieser Drehs habe ich Clark Gable kennen gelernt und begriffen, warum er immer so mit den Augen blinzelte. Gable war fast immer angetrunken und trug eine Sonnenbrille. Am Set musste er aber die Brille abnehmen. Und weil die Sonne so hell war, musste er blinzeln. Mein Zimmer war knapp zwanzig Quadratmeter groß. Aber die Terrasse, die dazu gehörte, maß 70 mal 110 Meter – mit herrlichem Blick. Die hatte ich ganz für mich alleine. Ein schöner Platz zum Feiern.

1962

Stahlwerker

Ein Schneideraum. Da Jürgen Roland zu sehen ist, der Hamburg selten verlässt, muss es Hamburg sein, wahrscheinlich 1962. Wir arbeiten gerade an einer Folge von „Stahlnetz“, das von 1958-68 lief. Die Zusammenarbeit mit Roland begann in einer Kantine. Die Deutsche Presse-Agentur, dpa, bei der ich damals arbeitete, war in einer Villa in der Hamburger Rothenbaumchaussee untergebracht, direkt gegenüber war der NWDR. Wir hatten keine Kantine, aber der NWDR. Jürgen Roland hat mich eines Tages gefragt, ob ich nicht ein paar Ideen für seine Sendung „Der Polizeibericht meldet“ hätte. Aus einem Interview mit einem Kripobeamten habe ich eine Spielszene gemacht. Und am Ende hatten wir „Stahlnetz“.

1970

Millionenirrtum

Aus Anlass meines 80. Geburtstages bot mir der WDR zuerst ein Gespräch mit Hansjürgen Rosenbauer an. Da ich nie im Fernsehen irgendetwas machen wollte, von dem ich der Meinung war, es würde die Zuschauer langweilen, schlug ich vor, lieber einen Fernsehfilm von mir zu wiederholen, etwa „Ein Mann von gestern“. Auf keinen Fall aber „Das Millionenspiel“. Am Tag menes Geburtstags zeigt die ARD: „Das Millionenspiel“.

1973

Wolfgang Haarig

Meine Frau Marlies und ich 1973 in unserer Berliner Wohnung, Dubrowstraße. Geheiratet haben wir in Hamburg, nach einem Vierteljahr zogen wir in die Lüneburger Heide, kurz darauf nach Berlin, weil meine Frau Berlinerin ist. Ich arbeitete damals schon als Autor zu Hause. Den Schnurrbart habe ich mir wachsen lassen, weil mir mein Haupthaar innerhalb von wenigen Wochen ausging. Ich wollte zeigen, dass mir überhaupt noch irgendwo Haare wachsen.

1973

Die Tetzlaffs

Nach meiner Frisur zu urteilen: ebenfalls 1973. Heinz Schubert, der den Tetzlaff spielte, war tatsächlich so klein, wie er auf dem Foto aussieht. Bei den Proben vor den Aufnahmen war ich fast immer dabei. Manchmal habe ich den Text noch eine Stunde vor Drehbeginn geändert. Das kam Schubert sehr entgegen, denn der hat seinen Text immer erst kurz vor der Aufzeichnung gelernt. „Ein Herz und eine Seele“ war eine richtige Billigproduktion. Gedreht wurde im billigsten Studio des WDR. Wir hatten einen Etat, für den heute keiner mehr auch nur aufstehen würde. Mich hat bei dieser Serie immer gereizt, sehr schnell auf Aktuelles reagieren zu können.

1976

Antimagazin

Katharina Thalbach war wenige Tage, nachdem sie die DDR verlassen hatte, bei mir in der Talkshow „III nach Neun“ – mit vierzig Grad Fieber. Thalbach kannte ich durch meine Frau, die Korrespondentin in Ost-Berlin für die „Zeit“ war. Die Geschichte von „III nach Neun“ beginnt eigentlich in Stuttgart. In einem Interview hatte ich einmal beklagt, dass ich, seitdem ich Fernsehspiele schreibe, nie mehr meinen Senf zu den täglichen Ereignissen beisteuern kann. Kurz darauf rief mich Dieter Ertel an, damals Redakteur in Stuttgart, und fragte mich, ob wir nicht eine neue Art Live-Sendung entwickeln sollten. Wir nannten das Unternehmen „Antimagazin“ – mit Boxring, Flipper, Zimmerpalme und einer Cellistin, die nie einen Ton gespielt hat. Wir haben live gesendet, ohne Proben. Kommentar des Intendanten Hans Bausch: „So etwas geht bei uns nie wieder über den Sender.“ Jahre später wurde Ertel bei Radio Bremen Programmdirektor, und wir haben es noch einmal versucht. Das war der Start von „III nach Neun“.

1993

Motzki

Meine Figur habe ich gehalten, die Hose und die Hosenträger habe ich auch noch. „Motzki“ mit Jürgen Holtz habe ich sehr gern gemacht. Überall wurde gefeiert, wie wunderbar glatt doch die Deutsche Einheit über die Bühne gegangen sei. Ich fand, dass es überall knirschte. Wir ahnten, dass die Zuschauerquote im Westen nicht so hoch sein würde wie im Osten – und so war es auch.

Aufgezeichnet von Thomas Eckert und Joachim Huber.

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