"Menschen bei Maischberger" : Stellenweise kurzweilig

Die ARD besinnt sich darauf, was das Publikum interessieren könnte und macht eine Talksendung über Sex. Zu Gast war unter anderem die Star-Autorin Charlotte Roche.

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Sandra Maischberger hatte in ihrer Sendung am Dienstag viel damit zu tun, die Frauen nicht zu oft zu Wort kommen zu lassen.
Sandra Maischberger hatte in ihrer Sendung am Dienstag viel damit zu tun, die Frauen nicht zu oft zu Wort kommen zu lassen.Foto: dpa

Zweimal fiel zwei Mal das Wort „vögeln“, dreimal das Wort „Schonraum“, aber es ging nicht um den Naturschutz, wahrscheinlich auch deshalb, weil das die Leute irgendwie nicht interessiert. Beim Fernsehen machen sich die Verantwortlichen nämlich immer zu Gedanken über das, was die Leute interessiert. Man müsste eigentlich annehmen, dass die Verantwortlichen während der Sommerpause sehr viel Zeit hätten, darüber nachzudenken, aber dann ist die Sommerpause vorbei, und die Verantwortlichen kommen auf die Idee, mal eine Sendung über Sex zu machen. Das interessiere die Leute doch bestimmt.

Na ja, das kommt wohl drauf an. Jedenfalls hieß das Thema der ersten Sendung „Menschen bei Maischberger“ am Dienstagabend „Sexualmoral 2011: Kein Anstand, kein Tabu?“ und natürlich war Charlotte Roche zu Gast. Obwohl es in ihrem neuen Buch „Schoßgebete“ im Prinzip nicht um Sex geht, ist Roche immer ein guter Gast, denn sie weiß eben auch, wie Fernsehen funktioniert – was man von den meisten Gästen dieser Sendung mitunter auch behaupten konnte, weshalb es durchaus kurzweilig war, stellenweise sogar überraschend. Das lag allerdings nicht am Thema.

Tatsächlich ist das Thema „Sex“ im Fernsehen ein Nicht-Thema. Es funktioniert nicht gut, das mussten die Zuschauer bereits vor der Sommerpause feststellen, als es in den Talkshows quasi nur noch um Jörg Kachelmann und um Dominique Strauss-Kahn ging. Um Strauß-Kahn ging es dieses Mal auch, außerdem um den CDU-Politiker Christian von Boetticher, der eine Affäre mit einer 16-Jährigen hatte und um eine Versicherung, die ihren Leistungsträgern eine Lustreise spendiert hatte – all das wusste man schon, zu all dem hat jeder bereits eine Meinung. Als die Gäste allerdings ihre Meinung zum Roche-Buch sagen wollte, wollte Sandra Maischberger vor nur 1,18 Millionen Zuschauern plötzlich nicht mehr über das Buch reden, vielleicht, weil das wegführte vom Thema, vor allem als Jutta Ditfurth, die selten weniger nervte in einer Talkshow, sagte, es handle sich um ein „trauriges Buch“. Bis zu dem Zeitpunkt hatten die Profis die Sendung im Griff, neben Roche und Ditfurth überzeugten Hellmuth Karasek und Bettina Böttinger mit unaufgeregter Souveränität, die vier fanden die nötige Distanz und Ironie zu dem Thema.

Für den Krawall waren diesmal die Amateure zuständig. Die Ärztin Esther Schoonbrood, die an Schulen die Aufklärung übernimmt, forderte mehrmals vehement einen „Schonraum“, in dem Jugendliche ihre Sexualität erfahren könnten, obwohl ihr niemand diesen Schonraum wegnehmen will. Leider, so Schoonbrood, gäbe es das Internet.

Die Moderatorin hatte den Rest der Sendung gut damit zu tun, die Frau nicht öfter zu Wort kommen zu lassen, auch der andere Amateur, ein strenger Christ, der Sex vor der Ehe ablehnt, trug wenig zur Unterhaltung und zum Erkenntnisgewinn bei. Über das Gästecasting wird bei der Redaktionskonferenz mit Sicherheit noch geredet.

Vielleicht könnten die so eine Konferenz ja mal im Fernsehen zeigen. Dann könnte man auch die Entstehung solcher Fragen miterleben: „Wie wichtig ist Sex für eine Beziehung?“ (Überraschende Antwort aller Beteiligten: wichtig); „Sollten Paare zusammen ein Bordell besuchen?“ (Eher nicht); „Wie viel Sex braucht eine Ehe?“ (schon regelmäßig).

Manchmal aber entstand etwas, nämlich immer dann, wenn Roche, Böttinger, Karasek und Ditfurth ins Reden, ins Plaudern kamen – wenn die vier sich einfach mal unterhalten hätten, wäre das vielleicht interessant geworden. Einmal fragte Maischberger noch: „Worüber regt man sich eigentlich auf?“ Gute Frage.

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