Medien : Menschenfreund? Menschenfresser!

Susanne Marschall

Himmel und Hölle, das Schöne und das Schreckliche, die Tragik des Lächerlichen, Schein und Sein sind sein Metier. Auf seiner Suche nach den Anderen, die wie er auf der Flucht sind, die einem Traum hinterherlaufen, um sich in ihm zu verstecken, befindet sich der Dokumentarist Georg Stefan Troller nun schon seit vielen Jahrzehnten. Seine Stimme ist die Stimme des Fernsehens mit Qualität: Troller - "The Voice". Jeder von uns hat sie im Ohr, jeder ist schon in seinen Filmen stecken geblieben, manchmal auch aus Zorn über die Dreistigkeit seiner Fragen: "Wie ist es, wenn man sein Haar verliert, Mr. Malkovich?" Und sogleich setzt er noch eins drauf: "Es steht für Potenzverlust." Troller nimmt kein Blatt vor den Mund, nicht nur im Interview, auch in den Bildern. 1977 zeigt er zum Auftakt seiner Personenbeschreibung "Ron Kovic - Warum verschwindest du nicht?" wie der nackte, im Vietnamkrieg zum Krüppel geschossene Ron Kovic seinen Urinbeutel entsorgt. Troller fängt da an, wo andere in ihren Filmen niemals hinkommen. Die erlaubten Fragen, die moralischen Gewissheiten, der Trost der Oberfläche interessieren ihn nicht.

Georg Stefan Troller ist ein Wiener Bub, geboren 1921 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns. Er will Dichter werden, irgendwo zwischen Arthur Rimbaud und Karl Kraus, ein zynischer Romantiker auf der Suche nach sich selbst und vor allem nach den Frauen. Durch die Nazis wird für die jüdische Bevölkerung Wiens alles anders. Auf der Flucht ergeht es Troller wie seinem späteren Helden Ron Kovic: "Alles, was sicher für ihn war, hat er gelernt in Frage zu stellen." Heute noch bewacht er seine Tasche, die er stets bei sich trägt, wie ein Flüchtling, für den das Hab und Gut am Leib und in den Händen das Einzige ist, das sich außer der nackten Haut retten lässt. "Die Angst" - so beschreibt es Troller selbst - "sitzt dem Flüchtling in den Knochen, sie brandmarkt ihn auf immer. Er lernt, dass er eigentlich nur überleben kann als Illegaler, als Schwindler. Sein Überleben als ehrlicher Mensch ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen." Trollers Emigration in die USA gelingt unter abenteuerlichen Umständen. Als amerikanischer Soldat kehrt er während des Krieges in die feindliche Heimat zurück. Währenddessen ermorden die Nazis große Teile seiner Verwandtschaft.

Später - in den sechziger Jahren - führt der junge und gut aussehende Reporter Georg Stefan Troller im Auftrag des WDR die fremd gewordenen Deutschen durch seinen neuen Lebensraum in mehr als 50 Folgen des "Pariser Journals" (1962-1971). Paris bleibt sein Wohnort. Zwei Jahrzehnte lang ist er dort Sonderkorrespondent des ZDF. Hier entstehen 67 Personenbeschreibungen über Künstler, Zwielichtige, Außenseiter und Rebellen. Robert Crumb, Muhammad Ali, Leonard Cohen, Peter Handke, Charles Bukowski und Russ Meyer lassen sich von Troller, wie er es nennt, "einverleiben".

Zeuge, Menschenfresser und Vampir - Georg Stefan Trollers Selbstbeschreibung ist deutlich. Was andere Filmemacher gerne unter den Tisch kehren, gibt er zu. Der Dokumentarfilmer nährt sich vom "warmen Blut seiner Opfer". Er muss froh sein, wenn Menschen leiden und lieben, denn nur dann kann er spannende Filme über sie machen. Rhythmisch, dynamisch und provokant sind seine Filme, außergewöhnlich in der Form, raffiniert konstruiert. Das Lügengebäude vermeintlicher dokumentarischer Objektivität bringt er in jedem einzelnen seiner geschliffenen Kommentare zum Einsturz. Nicht nur in der Form und im Tempo, auch in seiner Rebellion gegen die Falschheiten seiner Profession ist Troller jünger als die Jungen. Dabei wirkt er ohne sein Team, ohne die Kamera, ohne Schneidetisch, Mikrofon und Schreibfeder beinahe scheu, stets höflich, zurückhaltend, sanftmütig. Erst im Team wird er offensiv. Er braucht den Schutz der Kamera, und er braucht die Arbeitsfamilie an seiner Seite. Troller betont immer wieder, wie wichtig die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit seinen Kameramännern Carl Franz Hutterer und Josef Kaufmann und seiner Schnittmeisterin Elfi Kreiter für seine Arbeit war und ist.

Georg Stefan Troller filmt, um zu leben, um immer wieder aufs Neue zu überleben. Die alten Wunden - dies wird in den jüngsten Filmen überdeutlich - brennen nach wie vor, und darum filmt er unermüdlich weiter. Im Porträt des Hollywoodstars Andy Garcia führt er den Schauspieler als kubanisches Flüchtlingskind ein. Garcia kennt die Trauer des Exils, von der Troller sogleich spricht: "In Wahrheit kehrt man ja nie mehr aus dem Exil zurück, weil, man selbst ist ein anderer, und die Menschen sind andere geworden." In seinem neuesten Film "Selbstbeschreibung" macht er sich erneut auf die Suche und gibt dem verlorenen Anderen, dem Schatten in der Erinnerung, ein schönes und junges Gesicht. Mit zärtlicher Selbstironie beobachtet er den jungen Wilden, den der Schauspieler Alexander Pschill zum Leben erweckt. Der alte Troller lässt sich vom jungen Troller provozieren, wenigstens ein bisschen. Eine kreative Lüge, Traum der Erinnerung oder gelebte Wahrheit? Troller wäre nicht er selbst, wenn er sich und uns diese Frage nicht immer wieder zumuten würde. An der Seite seines Doubles wird Troller ein Neuer, er erfindet sich einfach noch einmal.

Georg Stefan Trollers Apercu in Sachen Alter, mit den Haaren verschwände auch die Poesie, bewahrheitet sich nicht. Weder Poesie noch Haare sind dem heute 80-Jährigen ausgegangen.

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