Medien : Merkel gegen Steinmeier – Will gegen Plasberg

Das Jahr der Bundestagswahl ist das Jahr der TV-Duelle. Kanzlerin und Kanzlerkandidat gelten als gesetzt – wer aber stellt die Fragen?

Joachim Huber

Bis zur nächsten Bundestagswahl ist noch viel Zeit, sollte man meinen. Aber die Strategen in den Parteizentralen denken längst über den 27. September 2009 und die Monate davor nach. Dieses Jahr wird ein Super-Wahljahr, von der Hessenwahl am kommenden Sonntag über weitere Landtagswahlen bis hin zu Europa wahlen; 14 Mal sind Bürger zur Stimmabgabe aufgefordert, nur die Bundespräsidentenwahl im Mai findet ohne Bürgerbeteiligung statt. Nicht wenige Manöver der Akteure lassen den Schluss zu, der bundesweite Wahlkampf habe längst begonnen. Die SPD hat mit Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier ihren Kanzlerkandidaten bestimmt, er wird auf die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel treffen.

Seit der Bundestagswahl 2002 gehört zum Ritual des Bundestagswahlkampfes das Fernsehduell der Spitzenkandidaten von SPD und Union. In jenem Jahr begegneten sich Edmund Stoiber (Union) und Gerhard Schröder (SPD) zwei Mal, 2005 hatte Unions-Herausforderin Angela Merkel nur für einen Fernsehgipfel mit Kanzler Schröder Zeit – Terminprobleme.

Damals übertrugen ARD, ZDF, RTL und Sat 1 zusammen, in derselben Reihenfolge erreichten die vier Sender bei insgesamt 30 Millionen Zuschauern ihre Quoten: 9,7 Millionen schauten im Ersten zu, rund sechs Millionen im Zweiten, 3,8 Millionen wollten bei RTL und 1,4 Millionen bei Sat 1 das Duell verfolgen. Die öffentlich-rechtlichen Programme übertrumpften die private Konkurrenz. Schon deshalb hatten RTL und Sat 1 bereits im Oktober 2008 die Kanzlerin und den Vizekanzler zu den „TV-Duellen 2009“ eingeladen. Bei der Verteilung – einmal privat, einmal öffentlich-rechtlich – kämen die kommerziellen Sender auf eine deutlich höhere Publikumsresonanz. Reaktionen aus den Parteizentralen auf die Oktober-Einladung lägen noch nicht vor, heißt es bei den Sendern.

ARD und ZDF werden ihre Offerten noch im Konrad-Adenauer- und im Willy-Brandt-Haus abgeben. ZDF-Chef redakteur Nikolaus Brender sagt nur: „Wir sind gesetzt.“ Eine seriöse Vorhersage zum Termin/zu den Terminen kann es ebenso wenig geben wie zur Form der Duelle. Sicher ist nur, dass die vier genannten Sender beteiligt sein werden.

Der durchscheinende Wunsch der Sender nach mehr als einem TV-Duell trifft sich mit der Erwartung von Frank-Walter Steinmeier. Der „Bild“-Zeitung hatte der SPD-Kandidat zu Protokoll gegeben, er wolle im Bundestagswahlkampf Fernsehduelle mit Regierungschefin Angela Merkel führen. „Der Wähler erwartet zu Recht einen offenen und direkten Austausch der Argumente – auch vor der Kamera“, sagte Steinmeier.

Ob in zwei Duellen oder in einem – festzustehen scheint schon, dass sich vier Journalisten die Lizenz zum Fragen teilen werden. Für RTL tritt wieder Chefredakteur Peter Kloeppel an, für Sat 1 dessen Nachrichtenmoderator, der N-24-Chefredakteur Peter Limbourg. Das ZDF setzt auf Maybrit Illner, in deren Talkshow die Politiker seit Jahr und Tag sitzen. Im Oktober 2009 wird Illner erst in „Berlin Mitte“ und dann in „Maybrit Illner“ ein Dezennium lang gefragt haben. Vor dem Jubiläum kommen TV-Duell(e) und Bundestagswahl.

Für die ARD war 2005 Sabine Christiansen angetreten, damalige Inhaberin der gleichnamigen Talkshow im Ersten. Und 2009? Die ARD verfügt mittlerweile über zwei Talkshows, die sich politisch verstehen: „Anne Will“ auf dem Christiansen-Sendeplatz am Sonntagabend, „Hart aber fair“ am Mittwochabend. Das anstehende Fernsehduell vorm TV-Duell: Anne Will gegen Frank Plasberg um den freien ARD-Platz. Die Entscheidung darüber ist von allerhöchster Bedeutung, dementsprechend wird sie auf der Intendantenebene fallen. Wie immer sie ausgeht, sie wird einen Gewinner/eine Gewinnerin und einen Verlierer/eine Verliererin produzieren. Es gibt dann eine Nummer eins und eine Nummer zwei in ARD-Talk- Deutschland, auch wenn mit einer geplanten „Bürgerbefragung“ der politischen Spitzenkandidaten ein Moderations- Trostpreis winkt.

Rein rechnerisch liegt Anne Will beim ARD-internen Fernsehduell vorne. Ihr Talk erreichte 2008 im Schnitt 3,60 Millionen Zuschauer, Plasberg saldierte bei 3,00 Millionen. Jene Feinbeobachter, die die ARD besser kennen, als die ARD sich selbst kennt, wollen wissen, dass sich Frank Plasberg in der Intendantenrunde leichte Vorteile ausrechnen darf. Kann daran liegen, dass Plasberg die Entscheidung nicht abwarten will, sondern ihr aktiv entgegenarbeitet. Der Moderator mit angeschlossener Fernsehproduktionsfirma „Ansager und Schnipselmann“ sei auf Tournee durch die ARD-Funkhäuser, heißt es. Hart werbe der Mann für seinen Einsatz am 27. September 2009. Eine (keineswegs) repräsentative Momentaufnahme darf Plasberg vor Will sehen. Die WDR-Intendantin Monika Piel steht bedingungslos hinter WDR-Mann Plasberg, Peter Boudgoust, SWR-Chef und ARD-Vorsitzender, wird der Plasberg- Seite zugerechnet, auch BR-Mann Thomas Gruber. Der NDR scheint gespalten: „Anne Will“ wird vom Nordsender verantwortet, zugleich arbeitet Plasberg mit den Formaten „Die klügsten Kinder im Norden“ und „2008 – Das Quiz“ für den NDR. Anne Will, ganz allein in der Trutzburg ihrer Will Media GmbH? Mit RBB-Intendantin Dagmar Reim kann sie rechnen. Will kommt aus der RBB-Vorgängeranstalt Sender Freies Berlin, zudem gilt bei Reim eine Frau gerne gesetzt in der Alternative Männlein oder Weiblein. Erster Zwischenstand: leichte Vorteile Plasberg, der auf eine Nachfrage des Tagesspiegels zum TV-Duell-Einsatz den schönsten aller Politikersätze findet: „Diese Frage stellt sich im Moment nicht!“ Ähnlich Eindeutiges aus dem Will-Lager.

Natürlich hat die ARD die süße Qual der Wahl: Wer würde Anne Will nicht zutrauen, was Frank Plasberg zugetraut wird? Wer soll es denn nun machen – Will oder Plasberg? Bitte stimmen Sie bei uns ab: www.tagesspiegel.de/medien-news

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