Merkel-Kritik bei Jauch : Höhler und Herles toben sich aus

Günther Jauch. ARD. Ob die drei Kandidaten für den Posten des SPD-Kanzlerkandidaten eingeschaltet haben? Wenn nicht, dann sollten Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier es dringend nachholen.

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Gertrud Höhler tobt sich nach ihrer Buchvorstellung auch bei "Günther Jauch" im Studio aus.
Gertrud Höhler tobt sich nach ihrer Buchvorstellung auch bei "Günther Jauch" im Studio aus.Foto: dpa

Was im ARD-Sommerinterview begann, setzte sich bei „Günther Jauch“ fort: der Versuch, Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende, einer strengen Visitation zu unterziehen. Ulrich Deppendorf und Rainald Becker suchten im „Bericht aus Berlin“ nicht die Konfrontation, sie wollten über Sach- und Fachthemen die Positionen und Schwachstellen des Regierungshandelns herauspräparieren. Es war ein fast bis zur Unkenntlichkeit freundliches Gespräch. Merkel jedenfalls hielt sich an den einen Satz, den sie Richtung CSU und anderer „Bescheidwisser“ in Sachen Eurokrise losließ: Jeder solle „die Worte sehr wägen“.

Gertrud Höhler hat sie gewogen, die Worte und Sätze, und in Buchform veröffentlicht. „Die Patin“, so der Titel, ist eine einzige Philippika gegen Angela Merkel, CDU- und Regierungschefin. Gertrud Höhler macht den weiblichen Thilo Sarrazin – volle Kraft voraus, scharfe Thesen, Polemik pur. Da die Publizistin weiß, dass Fakten den Erzählstrom hemmen, lässt sie es an Beweisen fehlen. Im Buch wie in der ARD-Talkshow. Gastgeber Günther Jauch suchte das Gespräch im reinen CDU-Kreis. Höhler wurde von ZDF-Journalist Wolfgang Herles sekundiert, den Gegenpart übernahmen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Lothar de Maizière, der als gelernter DDR-Bürger und letzter DDR-Ministerpräsident die Ostflanke abdeckte. Weniger kernig als im Buch, aber unverdrossen in der Vorwärtsbewegung nahm sich Höhler des Systems Merkel an. Uneindeutig sei sie, sie lasse keine Prinzipien und schon gar keinen konservativen Wertekanon erkennen, innerparteiliche Gegner räume sie unbarmherzig beiseite, das Parlament übergehe sie ein ums andre Mal, in Sachen Erziehung, aber nicht nur dort, gehe es mit Merkel strikt auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung zu. Gehört zur Tapferkeit der Kritik nicht aber auch die Klugheit der Argumente? Ursula von der Leyen reagierte nicht laut und nicht lärmend, sie sagte nur, wie „empörend“ der Höhlersche Duktus sei. Die Ministerin im Kabinett Merkel hatte es leicht, die Publizistin zu kontern – sie hat die Empirie der Regierungsgeschäfte auf ihrer Seite. Von der Leyen kann von innen nach außen argumentieren, während Höhler von draußen nach drinnen kritisiert. Für das Publikum, das wie Mehrheit der Deutschen mit der Kanzlerin zufrieden ist, muss Gertrud Höhler wie eine entfesselte Außenseiterin, ja frustrierte CDU-Sektiererin wirken.

Günther Jauch war auch da. Der Moderator wählte nur die Felder aus, auf denen sich Höhler/Herles austoben sollten.
Günther Jauch war auch da. Der Moderator wählte nur die Felder aus, auf denen sich Höhler/Herles austoben sollten.Foto: dapd

De Maizière wird schon seine Kritikpunkte an Merkel haben, aber wenn Höhler jene eine „Fremde aus Anderland“ schimpft, kann sich der letzte DDR-Ministerpräsident entspannt zurücklehnen. Höhler bringt sich, wie mit dieser Ossi-Klatsche, um die Aufmerksamkeit, die ihre Attacke auf die Teflon-Politik der Kanzlerin und Ostdeutschen vielleicht verdient hätte. Wo Herles saß, hätte Nikolaus Brender sitzen sollen. Der frühere ZDF-Chefredakteur, von der  Merkel-CDU um seinen Posten gebracht, hätte aus eigener Betroffenheit berichten können. Hat er nicht getan. Brender ist zu klug, um sich als Merkel-Opfer instrumentalisieren zu lassen. Also Wolfgang Herles, als Kopie des Höhlerschen Orignals. Der Journalist dachte, er könne vor 4,32 Millionen Zuschauern Ahnungslosigkeit in der Sache mit Verve in der Stimme überdecken. Herles war in dieser Runde der noch größere Verlierer als Gertrud Höhler.

Günther Jauch war auch da. Der Moderator wählte nur die Felder aus, auf denen sich Höhler/Herles austoben sollten. Die taten ihm den Gefallen. Jauch blickte unentwegt skeptisch und ließ sich erst am Ende zu der alles überragenden Frage hinreißen: Warum schenken so viele Wähler einer Kanzlerin Merkel ihr Vertrauen, obwohl sie eine miese Politikerin und ein zweifelhafter Mensch sein soll? Gertrud Höhler wusste darauf keine überzeugende Antwort. Ob Gabriel, ob Steinmeier, ob Steinbrück, jeder SPD-Herausforderer muss darauf seine eigene Replik finden – und jeder muss seine Worte wägen. Die abwesende Frau Merkel hatte einen schönen Abend.

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