Medien : Metropolensender XXP: New York, London, Paris - Berlin

Jochen Meissner

Das Fernsehen neu erfinden wolle er nicht, sagt Stefan Aust zum Start des neuen Metropolenfernsehens XXP am 7. Mai. Aber ein Versprechen wolle er einlösen. Und zwar das Versprechen, dass mit Privatfernsehen mehr Programmvielfalt geschaffen werde. Denn bislang hat sich dieses Versprechen eher als Lebenslüge erwiesen. Während in den Sendern des Duopols von Kirch und Bertelsmann die Formate nur mehr recycelt werden, und die aufeinanderfolgenden Wellen von Comedy-Fernsehen, Reality-TV- oder Quizshows unter der Last ihrer Klone schon zusammengebrochen ist, setzt XXP auf lange Formate und wohldefinierte Zielgruppen. Die Devise lautet: "No soaps, no trash, no gameshows" - ein selbstbewusstes Fernsehen für selbstbewusste Zuschauer also.

Alexander Kluge, dessen dctp (Development Company for Television Program) 50 Prozent an dem neuen Sender hält, will weder ein "Kaufhof-Programm" noch einen weiteren Ballungsraumkanal aufmachen. Statt dessen besinnt man sich auf das, was bisher in der inzwischen dreizehnjährigen Erfahrung mit Fensterprogrammen auf Vox, Sat 1 und RTL am erfolgreichsten gelaufen ist: ausführliche Themenabende aus aktuellem Anlass sowie aus Geschichte, Wissenschaft und Kultur. Die wird es künftig im täglichen Wechsel geben. Und auch auf eine lange (Opern-)Nacht mit Christoph Schlingensief wird niemand verzichten müssen.

Zum Sendestart brennen die Macher gleich ein publikumswirksames Feuerwerk ab: Es gibt vier ganze Themenwochen zum Kriegsende, zu den 68ern, zur Metropole Berlin und zu den internationalen Metropolen. Die Spielfilme dazu kommen von der Kinowelt AG. Darunter etwa die TV-Erstaustrahlung von Reinhard Hauffs "Stammheim"-Film, der auf der Berlinale 1986 für einen Eklat sorgte. Aber auch Wim Wenders "Himmel über Berlin" gehört zu dem Paket aus 250 Filmen, das XXP von der Kinowelt übernimmt.

Leisten kann sich das der kleine Sender nur, weil er die Filme zunächst umsonst bekommt und sich später mit den Zulieferen die Werbeeinnahmen teilt - das wird in der Anfangszeit nicht gerade viel sein. Doch so groß Kluge und Aust in Qualitätskriterien denken, so bescheiden geben sie sich in ökonomischer Hinsicht. Zunächst wird man von den Archiven von Spiegel-TV, der dctp sowie den Programmen der BBC und anderen leben. Wie der Geschäftsführer des Spiegel-Verlages, Werner Klatten, bekannt gab, werde für XXP zudem eine eigene Vermarktungsorganisation samt Außendienst aufgebaut.

Die von der Landesmedienanstalt vorgegebene lokale Komponente darf natürlich nicht fehlen: Von den 28 Mitarbeitern in der Köpenicker Straße wird es täglich um 19 Uhr 30 ein selbstproduziertes 45-minütiges Magazin geben. Titel: "Punkt X". Als "das Metropolenprogramm" mit internationaler Ausrichtung, wie sich XXP selbst bezeichnet, will man Berlin in den Reigen von New York, London und Paris integrieren.

Zunächst hat man es allerdings mit den jeweiligen Landesmedienanstalten der Republik zu tun, bei denen sich die XXP-Veranstalter bemühen, die technische Reichweite auch außerhalb von Berlin-Brandenburg zu erhöhen. In Hamburg etwa, dem Sitz des Spiegel-Verlages. Die wenigsten Sorgen macht sich Alexander Kluge um die übrige Konkurrenz in den Fernsehmärkten. Um zu demonstrieren, welche Rolle XXP im Spiel mit anderen öffentlich-rechtlichen und privaten Veranstaltern spielt, wählt er für seinen Sender den bildlichen Vergleich zur Schweiz: XXP befinde sich in bewaffneter Neutralität, aber offen für Goldtransporte.

Wie das genau zu verstehen ist, darüber kann der Zuschauer ab dem 7. Mai sein eigenes Urteil fällen. In Berlin und Brandenburg wird das Programm zwischen 15 und 7 Uhr auf Sonderkanal S 35 zu sehen sein. Aber obacht: Was auf diesem Kanal zwischen 7 und 15 Uhr läuft, hat mit XXP rein gar nichts zu tun. In dieser Zeit läuft dort nämlich das Programm des Einkaufskanals QVC. Wer das Glück hat, in einer Gegend zu wohnen, in der das Kabelnetz bereits ausgebaut ist, kann XXP hingegen rund um die Uhr genießen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben