Medien : Michel Friedman: "Alles geht alle an"

Thomas Eckert

Wenn Michel Friedman eine Rede hält, dann geht er zur Sache: beherzt, engagiert, leidenschaftlich. Keine Kompromisse, schonungslose Auseinandersetzung, lassen wir uns von nichts und niemandem etwas vormachen. Das war die Botschaft seines Eröffnungsvortrags auf der Jahrestagung der Hamburger Akademie Bildsprache. Friedman, Fernsehtalker und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sollte über "Veränderungen der Medien unter dem Einfluss innerer und äußerer extremer Situationen" sprechen - der 11. September, Afghanistan und die Folgen für die Welt. "Sind Sie bereit, für die Freiheit zu kämpfen - und zu sterben", fragte Michel Friedman das leicht schockierte Hamburger Publikum, er meine das ganz und gar ernst. "Aber bevor Sie für die Freiheit sterben: Leben Sie für die Freiheit!"

Der frisch mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Moderator betrieb alles andere als billige Medienschelte. Friedman fragte: Auf was wir uns verlassen könnten, wenn Bilder und Informationen offensichtlich gefiltert würden? Was tun, wenn die Bundesregierung keine konkreten Angaben mache, sondern sich in Geheimniskrämerei und nebulösen Andeutungen verliere? Ob wir in Wahrheit lieber geschont werden wollten und deshalb nicht nach der Wahrheit fragten? Ob wir nicht wissen wollten, dass wir uns in einem Krieg befänden? "Wir müssen bereit sein, uns für die Welt zu interessieren", rief Friedman, denn: alles gehe alle an. Die Zeit der Isolation von der Welt sei auch für Deutschland vorbei.

Und die Medien? Führe der offensichtliche Aktionismus der Berichterstattung nicht zu einer immer stärker reduzierten Wahrnehmung? Was wissen wir, welchen angeblichen Experten lauschen wir und warum sollten wir ihnen glauben? "Kann es sein, dass wir wenig verstehen, obwohl wir glauben, viel zu wissen?" Und warum tun alle, angefangen vom Bundespräsidenten, der gesagt habe, er fühle sich hilflos angesichts des Terrors, so, als hätte es Terrorismus bislang nie gegeben? "Ich bin überrascht, wie überrascht unsere Gesellschaft ist", sagte Friedman, dabei hätte man unbedingt vorbereitet sein müssen. Deshalb müsse man schonungslos miteinander umgehen, denn es gebe einen Anspruch auf schonungslose Aufklärung: "keine Andeutungen, Fakten". Demokratie bedeute Auseinandersetzung.

"Wieviel Sehnsucht nach Ruhe, wieviel Opportunismus steckt in uns", fragte Friedman, wenn wir die Augen vor dem schließen, was sich vor unseren Augen abspielt: Oder haben wir einfach nur Angst? "Sind Sie bereit für die Freiheit zu kämpfen und zu sterben?" Kurzer, verhaltener Applaus der Hamburger Medienvertreter. Und dann: weiter im Geschäft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar