Medien : Mickey Mouse in Bagdad

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Da steht sie und winkt: eine Mickey Mouse, groß wie ein Mensch. Wie hat sich dieses durch und durch kapitalistische Tier nach Bagdad verirrt? Und nicht nur diese arabisch sprechende Mickey Mouse passt nicht in die gängige Vorstellung vom „Reich des Bösen“: Da fahren Kinder Kettenkarussell, und im Vergnügungsviertel Bagdads drehen die reichen Söhne des Landes in ihren westlichen Luxuskarossen ihre Runden.

Peter Scholl-Latour hat die Bilder gemacht, Aufnahmen aus einem Land, das in absehbarer Zeit US-Angriffe zu erwarten hat. „Ungewissheit besteht lediglich über das Datum des Losschlagens und die Form des unvermeidlichen Bodenkriegs“, erklärt Scholl- Latour zu Beginn seiner Reportage „Irak im Fadenkreuz“ (Dienstag, ZDF, 21 Uhr). Sein Film hebt sich wohltuend von politischer Schwarz- Weiß-Rhetorik ab und setzt die Tugenden des Reporters dagegen: am Ort Informationen sammeln.

Dass sich Scholl-Latour trotz seiner Kontakte in der arabischen Welt nicht wirklich frei bewegen durfte, davon muss man ausgehen. Doch er verliert darüber kein Wort. Auch der Vorwurf, das Regime Saddams bedrohe Israel und den Westen mit Massenvernichtungswaffen, wird von Scholl-Latour lässig abgetan: Dass Saddam Giftgas gegen die Kurden eingesetzt hat und sein Aggressionspotenzial beim Einmarsch in Kuwait unter Beweis stellte, lässt er unerwähnt. Dabei drohte Saddams Stellvertreter Tarik Aziz im Interview mit Scholl-Latour unverhohlen: Die Europäer würden „die Leidtragenden“ sein, wenn sich die Amerikaner nach dem Eingreifen im Irak in ihre Heimat zurückziehen werden. Scholl-Latour verschweigt die diktatorischen Verhältnisse im Irak nicht, auch wenn er sie nicht bebildern kann.

Vor allem zeigt er viele Facetten eines Landes, besucht die nahezu autonomen Kurden im Norden, berichtet von der Toleranz gegenüber der christlichen Minderheit und über die Stimmung im schiitischen Süden, der sich im zweiten Golfkrieg gegen Saddam erhob und doch von den Amerikanern „ans Messer geliefert“ wurde. Bleibt die Frage, ob es nicht ein Armutszeugnis ist, dass ein 78-Jähriger „exklusiv für das ZDF“ von einem der politisch bedeutendsten Schauplätze berichtet und dafür 5000 Kilometer reist. Thomas Gehringer

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