Medien : Mini-Krimis als Wurfsendung

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Ist Autismus eine seelische Krankheit wie andere auch oder doch eine Art heiliger Wahn? Ein Daseinszustand, der die Existenz des Normalen fragwürdig erscheinen lässt? Jene Menschen also, die mit anderen Menschen einfach so reden können und die ihr Inneres scheinbar mühelos nach außen stülpen? Das Feature „Innerweltlich unerhört finde ich den Ort“ erzählt von autistischen Zwillingsbrüdern aus Potsdam. Die Autorinnen Rosemarie Mieder und Gislinde Schwarz haben sich lange um die beiden jungen Männer bemüht, aber die Mauern der Isolation waren unüberwindbar. Immerhin haben sie mit den Eltern der Zwillinge gesprochen, mit Mitschülern, Lehrern, den betreuenden Behörden. Und es gibt Texte, die die beiden Autisten am Laptop geschrieben haben oder während die Mutter ihnen behutsam die Hand stützte. Geheimnisvoll überraschende Lyrik und verschlungen-scharfsinnige Reflexionsprosa. Wegen dieser Texte ist ein Verdacht in der Welt, um den auch das Feature unausgesprochen kreist: Die Zwillinge könnten die eigentlich Weisen sein. Weil ihr totaler Kommunikationsverzicht nur eine angemessene Reaktion darstellt auf die Verderbnis der Welt.

Es wird in dem Radio-Feature allerdings auch von großartiger Zivilität berichtet: Dank enormer Mühen der Eltern, staatlicher Großzügigkeit und Toleranz der Mitschüler konnten die Autisten Abitur machen. Ohne je gesprochen zu haben. Nun studieren sie Philosophie. Vielleicht wird man eines Tages von ihnen hören. Bis dahin erzählt dieses hörenswerte Feature von ihrem Schicksal (Kulturradio, 8. September, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Unaufhörlich am Reden sind dagegen die Figuren in den Hörspielen von René Pollesch. Mit wortmächtiger Hysterie treiben sie durch eine labyrinthische Welt, in der ihre traditionellen Orientierungssinne versagen. „Heidi Hoh 3“ heißt eine neue Folge aus der Serie von RadikalSoaps um die Telearbeiterin Heidi Hoh. Globalisierungsopfer Heidi startet einen verbalen Amoklauf gegen die Wirrnis, die der Hochkapitalismus in der Innenwelt seiner Bewohner anrichtet. Psychedelischer Wortterror, musikalisches Geschrei (SWR 2, 9. September, 21 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

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Und dann gibt es ganz ungewöhnliche Hörspiele, die immer kürzer werden. Beim Kulturradio senden sie seit Monaten fünfminütige Ministücke, im Deutschlandradio geht es noch schärfer zur Sache. „Wurfsendung“ heißt ein neu erfundenes Mikrogenre, das maximal 45 Sekunden dauert und sechsmal täglich in der Zeit zwischen 9 und 17 Uhr ins Programm geworfen wird. Es können ein winziger Krimi sein, ein Dramolettchen, ein interessanter O-Ton, ein Jux. Was immer den zahlreichen beteiligten Autoren so eingefallen ist. Versprochen sind Intelligenz, Abwegigkeit und Humor. Die Sendezeiten sind unregelmäßig, der Hörer soll also auf einen Zufallstreffer hoffen. Nicht gerade die Super-Money-Prämien der Privaten, aber vielleicht doch ein Anreiz, öfter mal beim Deutschlandradio vorbeizuhören (ab 13. September, UKW 89,6 MHz).

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