Medien : „Mir kann es nicht radikal genug sein“

Die Schauspielerin Marie Bäumer über Rollen, das Leid mit dem Fernsehen und die nächste Regierung

-

Frau Bäumer, hoffentlich haben Sie letzte Nacht schlecht geschlafen.

Wieso?

Vor ein paar Wochen im Interview bei Kerner, da waren Sie total übermüdet…

…und sehr aufgedreht und hochgefahren, stimmt. Ich kann Sie beruhigen. Ich bin müde, kam gestern Nacht von Dreharbeiten für den Sat1-Film „Alphabet der Liebe“ aus Mallorca wieder. Außerdem hat mich mein Sohn um sechs geweckt. Der Alltag einer Mutter bringt immer einen gewissen Grundmüdigkeitspegel mit.

Prima.

Für Sie vielleicht. Ich habe bei Interviews immer ein bisschen das Gefühl, dass man da ertappt wird. Es ist schon eine ziemlich große Aufgabe, die Sachen immer wieder neu zu formulieren. Ich kann das gar nicht anders. Es gibt ja Menschen, die stets die gleichen Dinge wiederholen, gerade bei PR-Touren für Kino oder Fernsehen. So eine Talkshow lebt doch davon, dass man sich auf die Situation einlässt. Dass man etwas sagt, Reaktionen mitbekommt und nicht jeder denkt: Wann ist denn meine Zeit hier rum, wann kann ich nach Hause gehen.

Geben Sie gerne Interviews?

Wenn ich’s wirklich gerne machen würde, würde ich’s häufiger tun. Es löst aber keine massiven Widerstände in mir aus. Kerner ist jemand, bei dem man ganz entspannt klar kommt. Harald Schmidt nicht unbedingt, der hat die Schauspieler anfangs dazu benutzt, die eine oder andere Pointe abzulassen. Da hatte ich ein bisschen Angst, habe sieben Mal abgesagt. Dann bin ich aber doch noch hin. Das war völlig in Ordnung.

Kein Outing wie bei Kerner, wo Sie von Ihrer ersten unerfüllten Liebe zu einem Mädchen erzählt haben.

Ach, das ging ja unheimlich schnell. Als das Gespräch zu Ende war, dachte ich: Oh, jemine! Ich habe mir das aber noch mal angeschaut und bin nicht erschrocken, musste sogar ein paar mal lachen. Das ist eine sehr authentische Ebene, die meinem Wesen entspricht. Ich geh’ nicht zum Interview und spiele eine Rolle, wie in meinen Filmen.

…wie viele Schauspieler, die auch in Talkshows sicherheitshalber Masken tragen. Muss man Sie in der Öffentlichkeit aber nicht doch ein bisschen bremsen? In der Branche wird einem schnell mal etwas übel genommen.

Die Gefahr ist, dass bestimmte Aussagen aus dem Gespräch herausgeschnitten werden und eine andere Färbung bekommen. Das ist mir schon sehr oft passiert, da ich immer sehr weit aushole, die Dinge bildhaft beschreibe. Wenn dann Sachen und Nebensätze zusammengestrichen werden, entsteht das Bild einer vollkommen übersteuerten Frau.

Ist Offenherzigkeit für Sie eher eine Schwäche oder eine Stärke?

Vor ein paar Tagen hatte ich am Set für den Sat-1-Film eine Situation, wo so ein Unmut entstand und ich dann stellvertretend für alle was geäußert habe. Das stieß nicht gerade auf rauschenden Beifall. Ich empfinde diese Offenheit aber als etwas grundsätzlich Bereicherndes, weil es mir einen schnellen Zugang zu Menschen ermöglicht.

Sie waren auf der Waldorfschule.

Ich weiß nicht, ob das daran liegt. Auf der Schauspielschule habe ich ganz häufig diese Klassensprecherfunktion übernommen, mit dem Ergebnis, dass ich am Ende als Einzige sprach, alle neben mir verstummten. Es liegt wohl daran, dass ich relativ schnell eine Haltung habe zu Dingen, meine Meinung sehr schnell äußere. Ich bin immer erschrocken, wie angstgesteuert die Menschen in unserer Zeit sind. Es sollte wieder mehr Mut zur offenen Auseinandersetzung entstehen.

Nach „Der alte Affe Angst“ 2003 sollen Sie gesagt haben, es ist Ihnen egal, wie die Außenwelt auf Sie reagiere, Sie hoffen aber, dass Sie von außen immer wieder neu entdeckt werden, wie Sie sich selber immer wieder neu entdecken.

Es geht mir jetzt seit einem Jahr ganz stark so, dass ich merke, da bahnen sich Sachen an, die auch sehr mit Rückzug zu tun haben. Beziehungen definieren sich anders und neu. Eigentlich bin ich ein Mensch, der viel Kontakt hat, nicht nur im Beruf. Mittlerweile verbringe ich viel Zeit gerne mit mir alleine. Das entdecke ich neu.

Wird Ihnen das übel genommen?

Nicht von den wirklichen Freunden. Es wird eher klarer. Früher hatte ich die Bereitschaft, schnell mal Ja zu sagen. Jetzt sage ich eher Nein, und: Halt, ich hab’ hier eine Grenze.

Wenn man sich Ihre jüngeren Filme anschaut, „Der alte Affe Angst“, „Wellen“ oder jetzt „Ein toter Bruder“, fällt einem auf, dass das immer äußerst schwierige Paarsituationen sind. Sie sagten mal: Je näher man einem Menschen kommt, desto deutlicher werden die eigenen Konflikte wieder gespiegelt.

Sie sprechen da etwas an, was mich im Moment wieder sehr beschäftigt. Gerade wieder am Set, wo man ja nicht nur einen geografischen Abstand zu seinem Alltag hat. Da staut sich ein Riesenberg an Gedanken an, der sortiert werden muss, wenn man nach Hause kommt. Mein Freund zieht jetzt nach Hamburg in unsere Nähe. Mir ist klar geworden, dass da Raum noch mal neu definiert wird. Bei mir kommen positive Geschichten hoch, aber auch Ängste oder Fragen. Da ist man ganz schnell dabei, das über den jeweils anderen zu definieren.

Ist das Ihre Karriere: zunächst dieser ewige Vergleich mit Romy Schneider wegen Ihres Aussehens – nun Expertin für schwierige Beziehungen im Film?

Das ist die letzten Jahre wohl so entstanden. Ich bin keine gute Komödiantin wie Katja Riemann, auch nicht im „Schuh des Manitu“. Ich kann nur sagen, dass ich jetzt die Filme mache, die mir und meinen Auseinandersetzungen mehr entsprechen. Eigentlich kann es mir immer nicht radikal genug sein. Entweder ganz oder gar nicht.

Mit diesem Anspruch dürften Sie viel Zeit für Ihren Sohn haben.

Was hier vollkommen den Bach runtergeht, ist das Kino. Das Fernsehformat stelle ich sehr in Frage. Da ist viel seichtes Trallala. Mit den Rollen wie jetzt in „Ein toter Bruder“ und im großen Zweiteiler „Dresden“ bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Aber fällt Ihnen noch etwas ein, was in Sachen Frauenfiguren an die Radikalität vom „alten Affen Angst“ herankommt, außer „Sophie Scholl“ und ab und an Filme von Dominik Graf?

Nein.

Das ist auch etwas, das mich quält. Dass ich am Set stehe und immer die Angst habe: Das ist jetzt zu harmlos. Man ist als Schauspieler in einer sehr abhängigen Position, immer auch in der Gefahr, entmündigt zu werden. Mich tröstet es ein bisschen, das es vielen Kollegen so geht, gerade Frauen in meiner Generation, da gibt es einige starke Schauspielerinnen, eine hat den Deutschen Filmpreis bekommen. Man denkt, danach kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Aber da passierte erst mal gar nichts.

Apropos Mündigkeit. Gehen Sie wählen?

Auf jeden Fall. Ich würde einen Regierungswechsel überhaupt nicht begrüßen. Das ist bei mir eine Gesinnungssache, und die ist ganz sicher links.

Das Gespräch führte

Markus Ehrenberg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar