Medien : Missverständnis

„Focus sortiert Nachrichten, der Spiegel zerpflückt sie“

Adolf Theobald

Am 26. März 1993 erschien unter der Überschrift „Das Dingsbums der Elite“ in der „Zeit“ ein Artikel von . Helmut Markwort sah darin den Versuch des ehemaligen „Spiegel“-Geschäftsführers Theobald und der „Zeit“, die beiden Neulinge „Focus“ und „Woche“ niederzumachen. Hat Theobald seine Meinung inzwischen geändert? Wir haben den Autor gebeten, noch einmal seine Ansichten über „Focus“ aufzuschreiben.

Was also ist „Focus“? Ein journalistisches Missverständnis, jedenfalls kein Nachrichtenmagazin. Das schrieb ich vor zehn Jahren in der „Zeit“, nach sorgfältiger Lektüre der ersten Ausgaben. Und das bedarf der Erklärung.

Die Sehnsucht nach einem Kontrapunkt zum „Spiegel“ war schon immer groß. Der „Spiegel“ polarisierte, verärgerte Nichtleser am rechten Rand. Und doch hatte er – neben der „Zeit“ – als Meinungsblatt eine Art Monopol unter Intelligenten. Das Monopol verärgerte die Anzeigenkunden. Sie brauchten den „Spiegel“, aber sie liebten ihn nicht. Beides erkannt und genutzt zu haben, ist der verlegerische Scoop von Helmut Markwort und seinem Verleger Hubert Burda.

Aber das war nicht alles. Es kann ein journalistisch genialer Einfall von Markwort dazu: Die Oberfläche des Bildschirms auf ein Printprodukt zu übertragen, in all seiner Farbigkeit, Didaktik und Kürze. Die Welt auf einen Blick, überschaubar, direkt („auf den Punkt“), ohne Reflexion („Fakten, Fakten, Fakten“). Dies alles im Gegensatz, nicht zur Ergänzung des „Spiegel“. „In Wahrheit ist ,Focus’ eine Illustrierte, eine seriöse sogar“, schrieb ich damals und prophezeite den „Erfolg, den Markwort gewohnt ist.

„Focus“ war von Anfang an eine größere Bedrohung für den „Stern“ als für den „Spiegel“.

Zehn Jahre danach kann man bilanzieren. „Focus“ hat im Lesermarkt dem „Spiegel“ nicht geschadet, dessen Auflage liegt unangefochten über einer Million Exemplare, in gebührendem Abstand zu „Focus“. Mehr zu leiden hat der „Stern“. Gelitten hat dagegen der „Spiegel“ im Anzeigengeschäft. Die Inserenten waren froh, mit „Focus“ endlich eine Alternative zu der Arroganz der „Spiegel“-Anzeigenabteilung zu haben. Außerdem waren die Münchner erheblich billiger. Und die Leserschaft war auch nicht uninteressanter, vielleicht sogar sympathischer (jünger, moderner, konsumfreudiger, weniger elitär, nicht so kritisch).

Das oben angedeutete Missverständnis muss noch erklärt werden. Wir nennen „Time, „Newsweek“, „Spiegel“ Nachrichtenmagazine, obwohl sie zu anspruchsvollen Wochenblättern geworden sind. In Wahrheit ist „Focus“ das originäre Nachrichtenmagazin („gedrucktes Radio“), so wie „Time“ in seinen Anfangsjahren eine Art Digest der Wochenereignisse war („für Leute, die keine Time haben“, so der Werbespruch). „Time“ hat sich zum kritischen, sprachlich originellen, reflektorischen Journal entwickelt. Der „Spiegel“ hat das von Anfang an kopiert. „Focus“ sortiert Nachrichten, der „Spiegel“ zerpflückt sie.

Warum wird „Focus“ immer mit dem „Spiegel“ verglichen? Es war ein verlegerischer Einfall, in der Werbung, in der Öffentlichkeit die Nummer 1 anzugehen, um sich deren Prestige zu verleihen – in zweiter Hand. Markwort weiß, dass eine journalistische Konkurrenz zum „Spiegel“ keinen Erfolg hat, heute auch unbezahlbar wäre. Und um sich mit Augstein zu vergleichen – dazu ist er zu intelligent. Adolf Theobald

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