Medien : Mit der Faust am Mikro

Die neue Präsidentin Argentiniens springt mit der Presse um, wie sie will

Philipp Lichterbeck

Für politische Berichterstatter ist Cristina Fernandez de Kirchner, die neue Präsidentin Argentiniens, der Albtraum. Ihr Umgang mit den Medien lässt sich in drei Worten zusammenfassen: lächeln, ignorieren, anblöken. Gesprächsanfragen der heimischen Medien lehnte Frau Kirchner bis zur letzten Woche vor der Wahl kategorisch ab, auf Pressekonferenzen ließ sie sich nicht ein. Und als sie am Sonntag zur Wahlurne schritt, wies sie die Journalisten an, sich zivilisiert zu verhalten und ihr mit den Mikros nicht im Gesicht herumzufuchteln.

Dieses Verhalten rührt vielleicht daher, dass der Sieg der 54-jährigen Peronistin vor der Wahl praktisch schon feststand. Cristina Kirchners Ehemann, Nestor Kirchner, hatte ihr zuliebe darauf verzichtet, erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren. 2001 hatte Argentinien einen traumatischen wirtschaftlichen Zusammenbruch erlitten, unter Kirchner, der das Ruder 2003 übernahm, ging es wieder aufwärts. Cristina Kirchner verspricht nun politische Beständigkeit. Im Umgang mit der Presse tut sie es ihrem Gatten bereits gleich: Nestor Kirchner gab während seiner gesamten Amtszeit keine Pressekonferenz, gewährte kein einziges Interview. Geschadet hat ihm der Medienboykott nicht. Genauso wenig wie seiner Frau ihre Ausfälle gegenüber Journalisten, die sie schon mal als „Dummköpfe“ und „Ignoranten“ beschimpft.

Diese verächtliche Haltung bedeutet aber nicht, dass „die Pinguine“, wie das Präsidentenpaar wegen seiner Herkunft aus der patagonischen Provinz Santa Cruz genannt wird, die Macht der Medien nicht zu schätzen wüssten. So schaltete die Regierung Nestor Kirchner in wohlgesinnten Blättern regelmäßig Anzeigen, während kritischere Medien vernachlässigt wurden. Beispielsweise erhielt die linksintellektuelle Tageszeitung „Pagina 12“, eine Art argentinischer „taz“, die vorwiegend in Buenos Aires gelesen wird, mehr Anzeigen als die bürgerliche Tageszeitung „El Clarin“, obwohl deren Auflage sechsmal höher ist.

In einer Umfrage vom Forum Argentinischer Journalisten gaben 39 Prozent der Pressevertreter an, dass die Regierung Kirchner mehr Druck ausübe als alle vorhergehenden Regierungen seit dem Ende der Militärdiktatur 1983. In einem der größten Medienmärkte Lateinamerikas mit mehr als 150 Tageszeitungen, Hunderten von kommerziellen Radiosendern und Dutzenden Fernsehstationen ist eine positive Haltung zur Regierung eine ökonomische Notwendigkeit geworden.

Statt politischer Programme versorgt Cristina Kirchner die Presse nun mit Inszenierungen ihrer Person: Sie wolle wie „die Evita mit der Faust am Mikrofon“ sein, also eine Volkstribunin, die direkt mit den Menschen kommuniziert.

Damit wäre die Frage beantwortet, wie es heute in einer Demokratie noch möglich ist, Wahlen ohne die Medien zu gewinnen. Auch in zahlreichen anderen Ländern Lateinamerikas sind in den vergangenen Jahren linke Präsidenten gewählt worden, die von Fernsehsendern und Zeitungen abgelehnt und sogar regelrecht bekämpft wurden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass es diesen Kandidaten gelang, ihre Wähler direkt – an den großen Medien vorbei – zu organisieren. Zumeist befinden sich die Presseorgane in den Händen weniger Familien; vier Konzerne dominieren den Markt: Globo (Brasilien), Cisneros (Venezuela), Televisa (Mexiko) und Clarin (Argentinien). Stets unterstützen sie die Kandidaten, die ihren wirtschaftlichen Interessen am meisten nutzen.

In Venezuela war die Reaktion auf die Wahl des Sozialisten Hugo Chavez besonders militant: Dort hatten sich die privaten Fernsehsender 2002 aktiv an einem Militärputsch gegen Chavez beteiligt. Als dieser die terrestrische Lizenz einer der beteiligten Stationen, RCTV, dann dieses Jahr auslaufen ließ, gab es internationale Entrüstung, auch in Deutschland. Dabei wäre ein vergleichbar demokratiefeindlicher Sender hierzulande sofort geschlossen worden.

Es scheint, als ob sich einige Medien Lateinamerikas durch ihre Parteilichkeit selbst ins Abseits manövriert haben. Die neuen Präsidenten springen mit ihnen nun nach Belieben um, so auch Cristina Kirchner in Argentinien.

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