„Mit geradem Rücken“ : Sat-1 überzeugt mit Film über sexuelle Belästigung

Fernsehen im Hotel: Der Sat-1-Film „Mit geradem Rücken“ mit Ann-Kathrin Kramer und Kai Wiesinger bietet Realismus.

Nikolaus von Festenberg
Leidensgenossinnen im Hotelalltag stehen sich bei: Shirin (Pegah Ferydoni, links) und Hella (Ann-Kathrin Kramer). Foto: Sat 1
Leidensgenossinnen im Hotelalltag stehen sich bei: Shirin (Pegah Ferydoni, links) und Hella (Ann-Kathrin Kramer). Foto: Sat 1

Menschen im Hotel, Vicky Baum hinterließ auch dem Fernsehen ein unermüdbares Genre. Sieben Staffeln lang, von 1995 bis 2005, lief die Serie „Girlfriends“. Es ging da nicht so sehr um die Gäste, sondern um die Angestellten. Bis sich das Manager-Königspaar (Mareille Millowitsch und Walter Sittler) gefunden hatte, knisterte die Erotik besonders erwärmend hinter der kühlen Fassade professioneller Serviceperfektion. Dann zog der deutsche TV-Weltgemütsgeist um, blieb aber in Hamburg. Vom fiktiven „Girlfriends“-Haus „Grand Hanson“ ging es in das reale Edelhotel „Atlantic“, genauer ins Hotel „Atlantic Kempinski“.

Hier geschahen wunderbare Fernseh-Dinge. Auf dem Dach der Herberge fensterlte 2005 Götz George als weltwunder Fischhändler herum und geriet erotisch an eine Schweizer Almbäuerin (Christiane Hörbiger). Heinz Hoenig in der Rolle eines lebenssatten Hoteliers fand im ZDF-Zweiteiler „Rose unter Dornen“ sein Aschenputtel und vermachte ihr dahinscheidend das Hotel – Witwe wunderbar. 2008 durfte der Zuschauer „Eine Nacht im Grandhotel“ verbringen. Uwe Kockisch („Kommissar Brunetti“) als abgewrackter Sicherheitsmanager wittert das Parfum seiner Ex-Geliebten (Barbara Auer) und entlarvt Machenschaften eines spanischen Betrügers.

Wenn jetzt in „Mit geradem Rücken“ Ann-Kathrin Kramer ganz unten durch die Service-Keller des Hotels als Floor-Supervisor eilt, hat es sich aus-parfümiert und ausgefensterlt. Schon der Titel der Sat-1-Produktion zeigt die nüchterne Richtung von Buch (Sophia Krapoth) und Regie (Florian Froschmayer) an. Der Film heißt eben nicht „Die Zimmermädchen und der Grabscher“, doch er handelt in allem gebotenem Ernst davon.

Die von Kramer gespielte Hella Wiegand ist keine feministisch angehauchte Männerjägerin, bloß eine beruflich engagierte alleinerziehende Mutter eines pubertierenden Knaben (Lion Wasczyk), dessen sehnlich erwünschte schulische Skireise 300 Euro zu viel für Hella kostet. Illusionen sind Hella fremd, aber die realistische Chance, in die oberen Etagen aufzusteigen, nimmt sie entschlossen wahr, obwohl sie den Widerstand einer Konkurrentin (Floriane Daniel) spürt.

Der Schrecken trifft sie unerwartet, als sie entdeckt, dass sich ihr Chef (Kai Wiesinger) an ein junges türkisches Zimmermädchen (Pegah Ferydoni) sexuell übergriffig heranmacht. Was folgt, ahnt der Zuschauer, aber die Tragödie unterläuft in ihrer fast gnadenlosen Konsequenz jede, zumal bei den Privaten, sonst übliche Wundermelodramatik. Das anfänglich versuchte Verdrängen des Verdachts misslingt. Hella wird auch, allerdings ohne Zeugen, Opfer eines Übergriffs. Die Personalleitung hält es mit der hierarchischen Ordnung, auf weibliche Solidarität ist nicht zu bauen, ebenso wenig auf die Hilfe der Polizei. Es ist der Marsch einer zunehmend Verzweifelten in die Isolation zu besichtigen.

Regisseur Froschmayers Leistung ist eine konsequente Bildsprache, die nicht fabuliert und gruseln will, sondern der Handlung dient. Kameramann Patrick Kaethner hat einen Gutteil daran. Ann-Kathrin Kramers glänzend gespielte allmähliche Resignation ereignet sich meistens in Großaufnahme. Der Zuschauer eilt mit ihr durch die labyrinthische Hotelunterwelt. Kai Wiesingers überzeugende Darstellung eines eleganten Teufels wird durch optische Sparsamkeit erhöht. Er lauert meist im Hintergrund der Szenen wie ein unüberführbarer Bösewicht.

Nach all den hochglanzigen Hotelträumen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens macht sich im Keller des Mythenheims „Atlantic“ aufklärerischer Realismus eines Privatsenders breit. Bitte einchecken! Nikolaus von Festenberg

„Mit geradem Rücken“, 20 Uhr 15, Sat 1

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