Medien : Mit Ideen Politik bewegen

Die Zeitschrift „Die Neue Gesellschaft“ wird 50

Hermann Rudolph

Erinnerungsselig muss man nicht sein, um das 50-jährige Bestehen einer politischen Zeitschrift für einen Anlass zur Rückschau zu halten. Diesen Verdacht brauchte Peter Glotz, der Herausgeber von „Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte“, die mit ihrem Juli/August-Heft dieses Alter erreicht, nicht abzuwehren. Es genügt schon – bei der mühsamen Existenz, die politische Zeitschriften führen – die Halbjahrhundert-Strecke geschafft zu haben. Aber vielleicht muss man sich mit der Frage beunruhigen, was eine Zeitschrift kann und soll. Man kann ja beim Jubiläum einer Zeitschrift, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wird, also SPD-verbunden ist, ja, einmal ihr Theorieorgan war, nicht an der gegenwärtigen Misere der SPD vorbeigehen. Mit Ideen Politik bewegen, wie Glotz hofft?

Immerhin erinnert das Jubiläumsheft daran, dass „Die Neue Gesellschaft“ aus einem Desaster der SPD herausgewachsen ist und dass der Ideen-Transfer in die Praxis einmal funktioniert hat. Ihre Gründung reagierte auf die verlorene Bundestagswahl 1953 – SPD: 28,8 Prozent – und sollte den Reformprozess begleiten, den die SPD damals begann und der zum Godesberger Programm führte. Dieser Rückblick ist vielleicht der interessanteste Teil des Heftes. Und zwar in erster Linie, weil er eine Gestalt wie Willi Eichler ins Gedächtnis bringt: ein faszinierender ideologischer Seiteneinsteiger, ein intellektueller Parteiarbeiter, geprägt durch kantianische Philosophie und Revisionismus; seine Distanz zum marxistischen Sozialismus gab der Programmarbeit einen wichtigen Schub.

Das Referat des ersten Heftes öffnet freilich den Blick auf eine noch ziemlich bewölkte Debatten-Landschaft. Er zeigt Bewegung, mehr alte als neue Positionen, aber vor allem, wie lang der Weg der SPD nach Godesberg und in die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft noch war. Auch Glotz’ wie immer elegantes Editorial sieht die Zeitschrift vielleicht zu sehr aus dem Blickwinkel ihrer gegenwärtigen Verfassung. Das verschönt ein wenig die Jahrzehnte, in denen sich in ihren Spalten die endlosen Windungen und Wendungen des Nachdenkens über den Weg der SPD und das Wesen des demokratischen Sozialismus’ eher trocken niederschlugen, reichlich doktrinär auch in ihrer Aufgeklärtheit, unter Beteiligungen von Parteigrößen und der SPD-nahen Intelligenzia – Chefredakteur war immerhin einmal Herbert Wehner. Den Ehrgeiz eines Theorie-Organs hat sie inzwischen abgeschüttelt und präsentiert sich als Forum eines liberalen Freundeskreises der Sozialdemokratie, längst angekommen im postideologischen Zeitalter.

Der Glaube, dass Ideen Politik bewegen könnten, hat da nicht mehr die Form eines Programm-Prozesses, schon gar nicht „von Reflexionen über den Gang der Geschichte und das Bemühen, sich darin auf der richtigen Seite zu befinden“, wie die bald 90-jährige Susanne Miller, Zeugin der Geschichte, die das Heft ins Gedächtnis ruft, heiter frühere SPD-Programme beschreibt. Er ist bei der schlichten Überzeugung angekommen, dass kluge Analyse, griffige Thesen und anspruchsvolles Nachdenken, kurz: die Anstrengung des Gedankens der Politik zugute kommen. Ob die SPD davon etwas hat, ob sie überhaupt etwas davon haben will, kann man beruhigt offen lassen. Der Zeitschrift, die heute vielleicht das lebendigste politische Periodikum ist, nützt es jedenfalls.

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