Medien : Mit Mut und Grazie

Warum dem Multitalent Hape Kerkeling so viel sanfte Heiterkeit gelingt

Bernd Gäbler

Anfangs war Hans Peter vor allem ein dickes Kind. Darum spielte er ein böses Kind („Hannilein“). Hape Kerkeling, der Engel mit dem bösem Blick, setzte sich in Szene und ins Zentrum. Er spürte sein Talent. Er konnte leidlich singen und liebte Klamauk. Seine Parodien zündeten. Er verkleidete sich gern – immer wieder schlüpfte er in Frauenkleider. Er wollte andere zum Lachen bringen und selber Zuspruch ernten. Das war sein Streben, dafür war er gemacht. Damit – und nur damit – wollte er hoch hinaus. Das hat er früh geschafft.

Heute zeigen seine Rollen, dass er freier geworden ist und reifer. Der Klamauk ist stets da, aber hinter krachenden Slapsticks scheint eine sanfte Melancholie auf. Noch immer verkleidet er sich gern. Aber er versteckt sich nicht. Die Verkleidung hilft beim Agieren in fremden Milieus. Die Verkleidung macht ihn mutig. Ob als finnischer Rapper, litauischer Fußballtrainer, iranischer Schachgroßmeister oder schlicht als Fragender auf der Bundespressekonferenz – in seinen Camouflage-Auftritten ist Hape Kerkeling nervtötend konsequent. Mit Bambis en masse karikierte er die Preis-Inflation, mit „Hurz“ nahm er elitäre Liebhaber moderner Musik hoch. In solchen Konfrontationen legen Milieus sich selber bloß. Als Unterhalter im Rollenfach ist der Komiker ein wacher Soziologe. Er hat einen Blick für das Typische. Aber er zerlegt die Gesellschaft nicht. Der Exzess ist nicht Kerkelings Sache. Er will nicht mit dem Kopf durch die Wand. Er ist eben kein Anarchist, kein deutscher Borat. Nie würde er schnurstracks in eine Moschee stürzen.

Sein Humor ist deeskalierend. Ein Anarchist will demontieren; Kerkeling hat es am liebsten warm ums Herz. Aber sein scharfer Verstand funkt ihm dazwischen. Wie gern würde er die Idylle lieben – mit Kaffeekränzchen, Tanten und universeller Hilfsbereitschaft. Nur weiß er längst, wie verlogen die ist. Daher kommt seine Wehmut.

Das Typische ist natürlich oft ein Klischee. Komik arbeitet damit. Es kann etwas platt sein – so wie Hannilein oder Siggi Schwäbli – oder balanciert. Zum Gelingen gehören Neugier, genaues Beobachten und ein lodernder Drang zur Expression. Der Außenseiter nimmt die Mitte der Gesellschaft ins Visier. Hape wollte immer ins Zentrum. Man muss sich nicht jede Geschichte eines zwangsgeouteten Homosexuellen als Trauma vorstellen. Hape Kerkeling hat einmal gesagt, dass man weniger robuste Menschen als ihn damals vielleicht mit dem Fön in einer Badewanne aufgefunden hätte. Er hat es ohne Katastrophe überstanden, kein öffentliches Gewese daraus gemacht, sich aber auch nie allein für bestimmte Szenen vereinnahmen lassen. Heute spielt er sogar – was auf Youtube vielfach anzusehen ist – wunderbar gelassen und ohne die Verrenkungen des frühen Bastian Pastewka eine Tunte in einem Düsseldorfer High-Society-Café.

Kerkeling ist eher sanfter als bissiger geworden, aber er bleibt konsequenter in seinen Rollen. Aktuell ist er als Lokaljournalist Horst Schlämmer besonders populär. Die Rolle hätte als interner Journalistengag verpuffen können. Aber inzwischen ist sie in Kleidung, Sprache und Habitus so fein ausgearbeitet, dass dieser Schlämmer wie ein liebenswertes Monument der Vergangenheit in die moderne Mediengesellschaft hineinragt. Auf der Couch von „Wetten, dass...?“ erwies sich Claudia Schiffer, eine Ikone der Moderne, als vollständig unfähig, damit zurechtzukommen. Und Kerkeling ist inzwischen erfahren genug, nie aus der Rolle zu fallen. Nur mit gehörigem zeitlichen Abstand vom Grevenbroicher Schlämmer trat der Sachbuchautor Kerkeling in derselben Sendung auf. Als Schlämmer ist er nie Kerkeling, und Kerkeling darf es um Gottes willen nie im grauen Kittelmantel des „Rücken“-geplagten provinziellen Fremdlings in der Glitzerwelt geben. Neben „Wetten, dass...?“ gehört auch „Wer wird Millionär?“ zu den millionenfach eingeprägten Formaten der Tele-Unterhaltung. Selbstverständlich tat Horst Schlämmer sich da schon mit Gestühl und Monitor schwer, war zugleich demütig und geschmeichelt. Ob es geplant war oder erspürt – nur weil er mit Günther Jauch, dem fragestellenden Showmaster, Stuhl und Funktion wechselte, gelang ein magischer TV-Moment, beinahe schon wie der Jahre zurückliegende Auftritt als Königin Beatrix. Dieser Tausch musste sein. Schlämmer durfte nicht nichts, aber auch nicht zu viel wissen. Um der Rolle treu zu bleiben, musste Kerkeling die Perspektive wechseln. Da ist er inzwischen so genau wie vor ihm nur Loriot. Anders als dieser wirkt er aber nie pedantisch.

Die Liebe zum Detail, präzises Erinnern, das direkte wie indignierte Ansteuern von Peinlichkeiten verband er in der „70erShow“ mit ausladendem Gastgeber-Charme. Vorher schon hatte es nach gleichem Muster eine „80erShow“ gegeben, durch die Oliver Geissen von Programmpunkt zu Programmpunkt führte. Durch die Differenz wurde Kerkelings Klasse sichtbar. Er drängt sich nicht auf, macht sich nicht gemein. So schuf er einen versöhnlichen Abend. Sein Blättern im Familienalbum wurde eine nachholende Liebeserklärung an die alte Bundesrepublik. In der ersten Folge unterstütze Günther Jauch ihn eifrig als Gast. Mit seiner Produktionsfirma „I & U“ war Jauch auch Produzent der Sendung. Erstmals – so schien es – hatte Hape Kerkeling wieder eine Heimat gefunden, so wie damals mit „Total normal“ in der Obhut von Radio Bremen und seiner „Knaller“-Redakteurin Birgit Reckmeyer. Schon plant er mit Jauchs Firma das nächste Projekt. Auch das ist ein Zeichen der Zeit: Kerkeling ist längst nicht mehr öffentlich-rechtlich. Als er zu RTL wechselte, fehlte ein stimmiges Umfeld. „Cheese“ war vor allem größer, bunter und lauter als „Total normal“. Es blieb als Flop in Erinnerung trotz der anfangs mehr als sechs Millionen Zuschauer. Unterschätzt blieb „Darüber lacht die Welt“ bei Sat 1 mit den bisher aufwendigsten Rollenspielen. Kerkelings Charme blüht erst auf, wenn er sich umfassend wohl fühlt. Daran ließ er die Zuschauer teilhaben, als er in der „70er Show“ in einem hinreißenden Duett „Stumblin’ In“ mit Suzie Quatro sang.

Er war mehr Partner als geschmeichelter Amateur, aber agierte gelöst, ohne jede selbstironische Anstrengung, die er ansonsten bei Körpereinsatz gerne bespielt. In Sport war er eine Nulpe. Man sieht es ihm an. Er rumpelt und pumpelt. Das thematisiert er gerne. Einfacher gestrickte Komiker hätten daraus einen Tollpatsch geformt. Auch Kerkeling zeigt gerne, wie er versagt, behält dabei aber stets die trippelnde Grazie der Korpulenz. Wir kennen sie von Oliver Hardy bis Denis Scheck. Sich selbst verrät er so wenig wie seine Figuren. Gerade mitten im Fettnapf bewahrt er deren und seine Würde.

So konnte er auch ideal die nächste kulturelle Volte des früheren Arbeitersenders RTL, bei dem einst Camper, Kassiererinnen und Krankenschwestern fröhlich reüssierten, begleiten. Die neue Bürgerlichkeit muss diesem Publikum erst einmal anerzogen werden. Am schlimmsten steht es um die Kindererziehung; die Deutsch- und die Tanzstunde übernimmt Kerkeling. Das Sprachgenie legte schon immer Wert auf gutes Deutsch, jetzt liest Kerkeling Diktate vor („Der große Deutsch-Test“). Als Gastgeber eines Tanzwettbewerbs („Let’s Dance“) hält er gesittete Distanz zur eigenen Sendung wie zu den eifrigen Kandidaten. Das könnte hochnäsig wirken, würde er sich nicht so freudvoll mit dem strengsten und besonders akribischen Juror anlegen. Ganz nebenbei wurde Hape Kerkeling erfolgreichster Sachbuchautor des Jahres. Als es nicht mehr so weiterging, machte er sich im Jahr 2001 auf den Weg und erwanderte die Pilgerstrecke nach Santiago de Compostela. Das schildert er mit einem lapidaren „Ich bin dann mal weg“. Obwohl Knie und Füße ständig schmerzen, wird es eine leichtfüßige Suche. Er flüchtet nicht. Es geht nicht um Erfolg oder Äußeres, sondern um Fühlen und Erkennen, Demut, Gott und die eigene Mitte. Er trifft ein Sinn-Bedürfnis, schreibt radikal subjektiv, manchmal wie in ein Poesiealbum („Leid ist der Schlüssel zum Glück“, „Das Herz hat immer recht“), aber ohne Kalkül und deswegen so sympathisch.

Er ist aufrichtig, aber nicht aufdringlich. Das spürt der Leser. So geht es auch seinen Gästen und Zuschauern. In der „70erShow“ wie bei „Hape trifft“ gab es zündende Begegnungen. Kerkeling sang albern mit Elton John; bewunderte Barbara Eden („Bezaubernde Jeannie“) und traf Liza Minelli wie zufällig auf der Straße. Manches ist nicht vorhersehbar. So war Horst Schlämmer zunächst eine Nebenfigur von gleichem Rang wie die Paar-Therapeutin Efje van Dampen. Horst Schlämmer auf dem Tennisplatz war noch banal, während der Hausbesuch der Holländerin bei Udo Jürgens Kurioses mit Tiefe verband. Dennoch blieb diese Figur blass, während Schlämmer wuchs.

Hape Kerkeling ist ein eleganter Gastgeber und Live-Entertainer, ein Mann für Sketche und Szenen. Sein Œevre ist Patchwork. Immer aber hat er sich auch dem schwierigen Genre Film gewidmet. Zunächst mischte er Klamotte und Bosheit („Kein Pardon“), dann versuchte er seine Kleine-Leute-Sympathien auch auf dieses Genre auszuweiten („Samba in Mettmann“), aber er blieb hängen zwischen seinem frühen Förderer Otto und dem jüngeren, hemmungslosen Filmfreak „Bully“ Herbig. Er wurde kein deutscher Woody Allen. Ein Großwerk mit eigener Handschrift ist nicht entstanden. Vielleicht steckt da noch Sehnsucht und Gestaltungskraft. Aber es muss nicht mehr sein. Hape Kerkeling hat eine buddhistische Gelassenheit erreicht.

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