Medien : Mit Pferden und Fusionen

Heute vor 60 Jahren ist zum ersten Mal das „Handelsblatt“ erschienen. Eine kleine Zeitungsgeschichte

Christoph Neßhöver

Acht Seiten Wirtschaftszeitung können ganz schön wichtig sein. Vor allem, wenn es einem Mangel abzuhelfen gilt, der in stillen Momenten nur schwer zu ertragen ist: der Mangel an Toilettenpapier. Der ist 1946 allgegenwärtig – und er führt zu sanitär motiviertem Raub an allerlei Druck-Erzeugnissen, besonders an großformatigen Zeitungen wie dem „Handelsblatt“.

Damit in den Anfangsjahren die 10 000 frisch gedruckten Exemplare ihren Weg zum Leser ohne Schwund antreten können, setzt sich der Chef selbst ans Steuer seines Opel, „und wenn der mal wieder streikte, stand auch noch ein Pferd bereit, um die Zeitungen zum Düsseldorfer Hauptbahnhof zu bringen“.

Der, der das erzählt, heuert am 2. Januar 1947 beim „Handelsblatt“ an. Mit 95 Jahren ist Hermann Laupsien heute der älteste „Handelsblatt“-Redakteur. Anfang 1947 ist er gerade ein paar Monate aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Dann heim nach Düsseldorf und als ehemaliger Redakteur der „Arbeiter-Sport-Zeitung“ zur erst sieben Monate alten Wirtschaftszeitung für die britische Zone. Ihr erster Erscheinungstag: 16. Mai 1946, heute vor 60 Jahren. Erscheinungsrhythmus damals: jeden Donnerstag. Erst seit 1959 erscheint das „Handelsblatt“ börsentäglich.

Drei Geburten hat das „Handelsblatt“ in seinen sechs Jahrzehnten erlebt. Da ist die erste 1946, mitten hinein in wirre Nachkriegsjahre, als es den Deutschen nicht nur an Papier fehlt, sondern dem ganzen Land an einem neuen Gesicht. Da ist das Jahr 1970, als die Zeitung unter ihrem neuen Verleger Georg von Holtzbrinck den Konkurrenten „Industriekurier“ übernimmt und die Mühsal von Fusionen erlebt. Und da ist das Jahr 2000, als die „Financial Times Deutschland“ das „Handelsblatt“ zwingt, sich ein Stück weit neu zu erfinden.

Am Anfang steht eine einzige Seite Papier. „Military Government-Germany“ steht oben, „Zulassung Nr. 42“ darunter. Drei Paragrafen regeln alles Nötige für „die Herausgabe der Zeitschrift genannt ,Handelsblatt‘“ – vor allem, dass sie sich alliierter Zensur zu unterwerfen hat.

Wie nervös die Besatzungsmacht die ersten Übungen der von den Nationalsozialisten befreiten Deutschen in Pressefreiheit beäugt, erlebt der erste Lizenznehmer Herbert Gross. Schon nach wenigen Monaten wird sein Name auf der Lizenz mit großen „X“ gelöscht. Wirtschaftsspionage in den USA und die langjährige Mitarbeit beim Nazi-Wochenblatt „Das Reich“ werden ihm vorgeworfen.

Es kommt der Mann mit dem alten Opel: Friedrich Vogel, geboren 1902, Doktor der Nationalökonomie. Bei den „Düsseldorfer Nachrichten“ hat Vogel 20 Jahre die Wirtschaftsberichterstattung geprägt, als er Mitte 1946 zunächst Chefredakteur und 1947 auch Herausgeber des „Handelsblattes“ wird. „Die Redaktion bestand aus sieben Journalisten“, erinnert sich Redakteur Laupsien. In seinem Büro im Pressehaus am Martin- Luther-Platz in Düsseldorf stapeln sich ausländische Zeitungen – zunächst die wichtigsten Quellen: „Mein erster Auftrag war es, diese Publikationen auszuwerten und das Ressort Weltwirtschaft zu beliefern.“

Friedrich Vogel führt seine Redaktion auch wie ein Patriarch seiner Zeit – zuweilen gutmütig zwar, wenn er etwa zur Weihnachtszeit persönlich den Nikolaus gibt, aber auch ein äußerst knauseriger. Von Zeit zu Zeit lädt er seine Redakteure zum Essen ein. „Vogel bestellte dann für sich nur einen Salat“, erzählt Waldemar Schäfer, der 1969 von den „Stuttgarter Nachrichten“ zum „Handelsblatt“ wechselt und 1989 dessen Chefredakteur wird. „Da konnte man dann selbst natürlich auch nicht so richtig zulangen.“

Auch wenn die Auflage zunächst kaum 25 000 erreicht: Publizistisch macht sich das „Handelsblatt“ in den 50er Jahren unentbehrlich – vor allem wegen seiner Nähe zu Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Nicht nur, dass „Handelsblatt“-Redakteur Wolfram Langer an Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“ maßgeblich mitschreibt und 1958 als Staatssekretär in dessen Ministerium wechselt. Beim ersten Bundespresseball 1951 reimen „HB“-Redakteure selbstbewusst den Text für eine Anzeige im Almanach: „Was Erhard still am Busen hegt, wo Vater Staat die Hand drauflegt, das kannst du schon – dazu auf Spesen – im Handelsblatt von gestern lesen.“ Auf Spesen? Lange Jahre können Leser die Kosten für das „Handelsblatt“ von der Steuer absetzen.

Ende der 60er Jahre neigt sich die Ära Vogel ihrem Ende zu. Er sucht nach einem starken Partner, zumal die schwerste Konjunkturkrise nach den Wirtschaftswunderjahren auch das „Handelsblatt“ nicht verschont. 1967 brechen die Anzeigenerlöse um fast zehn Prozent ein. Mitten in der Krise erlebt das „Handelsblatt“ seine zweite Geburt. 1968 findet Vogel in Georg von Holtzbrinck den Mann, dem er seine Zeitung überlassen mag. Vogel gibt 47,5 Prozent an Holtzbrinck, später folgt der Rest. Für den Verleger aus Stuttgart ist das Terra incognita, ist seine Gruppe im Buchgeschäft groß geworden.

Von Holtzbrinck will das „Handelsblatt“ auf ein breiteres Fundament stellen. Den großen Wettbewerber des Blattes, den 1948 gegründeten „Industriekurier“, plagen ähnliche Sorgen wie das „Handelsblatt“. Dort unkt die Redaktion schon Ende 1968: „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Schon steht der Holtzbrinck vor der Tür.“ Und so kommt es auch. Zum 1. September 1970 geht der „IK“ im „Handelsblatt“ auf.

Die Fusion ist nicht einfach für das Redaktionsleben.20 Jahre sind beide Blätter Konkurrenten gewesen, nun sollen sie gemeinsam arbeiten. Das fällt nicht leicht, zumal sich die Stile sehr unterschieden. Das „HB“ ist eher bedächtig, die Kollegen vom „IK“ schätzen pointierte Meinungen: „Mitbestimmung in der Wirtschaft ist genauso wenig denkbar wie die Mitbestimmung in Kasernen oder Zuchthäusern.“ Die Fusion führt auch zu einer Kurskorrektur. „Ich gehe nicht in die Politik“ – dieser kategorische Imperativ war lange Jahre das Prinzip Friedrich Vogels. Er will eine reine Wirtschaftszeitung, ein politisches Ressort hält er für überflüssig. Aber 1964 schluckt Vogel doch die „giftige Frucht“, wie er sie genannt haben soll, die „Deutsche Zeitung“.

Es folgen drei Jahrzehnte Zeitungsmachen, „Wirtschafter“ und „Politiker“ beharken sich intern heftig. Es gibt Flops, etwa als das „Handelsblatt“ Ende 1971 erst dienstags über die am Wochenende beschlossene Wechselkursanpassung berichtet. „Die Blamage hatte ein Gutes“, erinnert sich der spätere Chefredakteur Rainer Nahrendorf, „nun führten wir einen Sonntagsdienst ein“.

Im Jahr 2000 wird das „Handelsblatt“ zum dritten Mal geboren. Mit der „FTD“ ist ihm ein frecher, neuer Konkurrent erschienen. Der Wettbewerb, dessen Vorzüge die Redaktion so lange predigte, fordert sie nun frontal heraus. Doch an Selbstbewusstsein mangelte es den „HB“-Machern zu keiner Zeit. Schon in den frühen, kargen Jahren hing an der Tür zum Vorzimmer von Chefredakteur Vogel ein kesses Gedicht. Senior-Redakteur Hermann Laupsien rezitiert: „Der Zeitungen gibt es viele, doch welche hat unser Niveau? Das Handelsblatt liegt in der Diele, die anderen auf dem Klo.“

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