Medien : Mit schwerem Gepäck

Im RTL-2-Experiment wird Stefanie „30 Tage Muslimin“

Fabian Grabowsky

Auf dem Klingelschild steht „F. Osman“, darunter klebt die palästinensische Flagge. Stefanie ist nervös. Familie Osman hinter der Tür auch. 30 Tage lang wird Stefanie für die RTL-2-Reihe „30 Tage – das Experiment“ bei ihnen wohnen und wie eine Muslimin leben. Kameras immer dabei.

„30 Tage Muslimin“ ist der dritte Film der Reihe. Im vergangenen Jahr lebten ein junger Rechtsanwalt als Obdachloser und ein Student als Rollstuhlfahrer. Die Kritiken waren für RTL-2-Verhältnisse gut. Das US-Vorbild „Super-Size me“ von Matthew Spurlock räumte 2004 beim Sundance Festival ab; er hatte 30 Tage nur Fast Food gegessen und seine Qualen und Mutationen gefilmt. Die folgende Serie „30 Days“ konfrontierte zum Beispiel Fundamentalisten mit dem bunten Rest der US-Gesellschaft. Hier zu Lande gibt es andere Bruchstellen. Zum Beipsiel zwischen der 26-jährigen Studentin Stefanie und den Osmans. Stefanie ist das, was sie nicht sind: (ost-)deutsch, blond, atheistisch. Danach wurde sie ausgesucht. Am Anfang breitet sie aus, was sie vom Islam zu wissen glaubt. Das läuft auf eines hinaus: „Das macht mir Angst“.

Dann soll sie wie eine gläubige Muslimin leben. Aber sie glaubt an gar nichts. Warum soll sie während des Ramadans um 4 Uhr 26 aufstehen? Um dann noch zu beten? Zu wem denn? Die Osmans ertragen ihren Widerstand mit Fassung. Er wird schwächer werden. Der Film zeigt in 90 Minuten Stefanies Reise durch den Islam: Kopftuch, Koran, Moschee, Hamam. Auch Diskussionen über Sex vor der Ehe gibt es. Überhaupt ist das Thema Islam heikler als Rollstuhlfahrer und Obdachlose. RTL-2-Unterhaltungschef Mark Rasmus sagt, Imame hätten das Team beraten und den Film abgenommen. So erreiche man „eine größere Zielgruppe“ und zeige ihr „eine Welt, die sie so nicht kannte“. Das sei keine Qualitätsoffensive; aber er will RTL 2, das das Niveau-Schlusslicht bislang fest umklammerte, „breiter aufstellen“ – „Wir können auch anders.“

Das könnte mit Filmen wie „30 Tage“ gelingen. Allzu sehr belehrt wird nicht, die Akteure sind zwar steif, aber deswegen authentisch. Zwar zeigt der Film „den Islam“ holzschnittartig; Muslime sind hier konservative Muslime und sonst nichts – vielleicht will der 21-jährige Mohammed seine Kusine gar nicht heiraten? Aber für das RTL-2-Publikum ist es vielleicht gut, wenn es überhaupt mal einen Holzschnitt auf den Couchtisch gelegt bekommt.

Mit Stefanie und den Osmans hat es funktioniert, beim Abschied flossen Tränen. Auch anderthalb Monate nach Drehschluss sagt Stefanie, sie habe „Freunde fürs Leben“ gefunden. Osman-Sohn Mohammed sagt, dass sie „ein nettes Mädchen“ sei. Nur dass er ihr schweres Gepäck in die Wohnung tragen musste – das habe ihn gestört.

„30 Tage Muslimin“; RTL 2, 21 Uhr 15

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