Medien : Mit unsichtbarem Visier: Die ARD zeigt, wie Stasi-Agenten im Westen arbeiteten

Gunnar Decker

Das Wesen von Geheimdiensten ist, dass man wenig über sie weiß. Aus dem Kokettieren mit der Grauzone erwächst ihr Nimbus. Ob die Nachrichten, die sie zu bieten haben, wirklich brisanter sind als die, die man im Radio hört, darüber kann gestritten werden.

Geheimdienste benutzen ihr Wissen als Druckmittel, hier wird die Nachricht erpresserisch. Was für Menschen sind es, die sich als Auslandsspione anwerben lassen, freiwillig in die Abhängigkeit eines solchen Agentennetzes begeben? Die Funktionsweise eines solchen „Organs“ studiert man am leichtesten am Leichnam eines bereits gestorbenen Staates, wie dem der DDR. Da kann man frei in den Akten recherchieren wie Heribert Schwan für seine Dokumentation über die Stasi-Auslandsspione der Hauptverwaltung Aufklärung.

Man erwartet sich von diesem Film eine Antwort auf die Frage: Was für ein Typus Mensch wird Spion? Bis 1989 konkurrieren in der Politik des Ostens ebenso wie der des Westens Positionen des Kalten Krieges mit denen der Entspannung. Welche Rolle spielten dabei die Spione beider Seiten? Aber wir sehen hier leider wieder nur eine Seite, die andere, die der Ostspione westlicher Geheimdienste, bleibt weiter im Dunkeln.

Im Mittelpunkt der WDR-Dokumentation steht Lilli Pöttrich, die sich als junge linke Frankfurter Jura-Studentin für den DDR-Geheimdienst anwerben ließ und bis 1989 Berichte für Ost-Berlin schrieb. Als sie längst eine erfolgreiche bundesdeutsche Diplomatin war, lief sie durch Rom oder Valencia zu Treffs mit ihren Stasi-Führungsoffizieren und betrieb dabei „Eigensicherung“. Obskure Spiele der Konspiration, die ein wenig nach James Bond und sehr nach der einstmals erfolgreichen DDR-Spionageserie „Das unsichtbare Visier“ aussehen, in der Armin Mueller-Stahl als „Kundschafter für den Frieden“ den Ost-Bond gab. Aber das Ende der meisten der 1500 Westspione für die DDR ist banal. Sie wurden verhaftet und verurteilt. Lilli Pöttrich erstaunlich milde zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung. Heute arbeitet sie nach ihrem siebenjährigen Berufsverbot als Rechtsanwältin.

Aber wie kamen die „Rosenholz“-Dateien mit den Namen der DDR-Westagenten erst in die USA und dann von dort zurück nach Deutschland? Natürlich ist das Spinnennetz der Agenten ein internationales. Der Kalte Krieg endete erst, als man sich von der Vorstellung einer „guten“ und einer „bösen“ Seite verabschiedete.

Was bedeutet das für die Spione beider Seiten? Keine Auskunft gibt uns Heribert Schwan darüber, wie viele der DDR-Auslandsagenten Doppelagenten waren. Denn zur Besichtigung freigegeben ist bis heute vor allem der DDR-Nachlass. Über die Spione des Westens in der DDR aber sollte es bald einen zweiten Teil des „Spinnennetzes“ geben. Bislang sprechen sehr wenige so offen wie Carola Stern in ihrer Autobiografie „Doppelleben“ über ihre Spionage für den CIA in der Frühzeit der DDR.

„Das Spinnennetz“: Mittwoch um 23 Uhr 30, ARD

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