Mobbingseite : Hetzer oder Hochstapler?

Lübecks Polizei fasst den mutmaßlichen Chef von Isharegossip – und lässt ihn laufen.

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Pranger. Die Mobbing-Plattform isharegossip steht schon lange in der Kritik. Foto: dpa
Pranger. Die Mobbing-Plattform isharegossip steht schon lange in der Kritik. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Es wirkte wie ein Coup: „Wir können doch über alles sprechen“, hatte der Reporter des Sat-1-Magazins „Akte20.11“ am Telefon seinem Gesprächspartner versprochen, und der erklärte sich tatsächlich zum Interview bereit. Obwohl er seit Monaten von der Polizei gejagt wird, hunderte Strafanzeigen gegen ihn vorliegen und er sonst nie mit der Presse spricht. Nun aber plauderte der Unbekannte im grünen Kapuzenpulli gerne vor der Kamera – und schickte der Polizei einen ironischen Gruß: „Viel Spaß bei der Suche!“

Die dauerte bloß drei Tage. Am Donnerstag nahm die Polizei den Mann fest, der sich auf Sat 1 als Betreiber von isharegossip.com ausgegeben hatte, der Mobbingseite, auf der Kinder und Jugendliche anonym gegen Mitschüler hetzen. „So sieht er also aus, der Mann, der den Pranger auf den Schulhof gestellt hat“, verkündete Moderator Ulrich Meyer nach dem Beitrag. Inzwischen ist der Mann, ein 25-jähriger Arbeitsloser aus Lübeck, wieder frei. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für einen Trittbrettfahrer. In der Vernehmung sei klar geworden, dass die Behauptungen aus dem Interview erfunden seien, heißt es. Trotzdem wird gegen den Mann weiter ermittelt.

Die Betreiber der Hetzseite haben bereits eine anonyme Stellungnahme abgegeben: Sie behaupten, dass der 25-Jährige tatsächlich zu ihrem Team gehöre, aber keinesfalls Betreiber sei. Sie nennen ihn „Verräter“, weil er mit Medien gesprochen habe. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, die den Haftbefehl erwirkt hatte, misstraut der Stellungnahme: Womöglich handele es sich um eine „Nebelkerzenaktion“ zur Legung einer falschen Fährte.

Bisher waren alle Ermittlungsversuche gegen die Betreiber der Seite erfolglos. Auch nachdem rassistische und antisemitische Parolen, Morddrohungen und Ankündigungen von Amokläufen erschienen waren, konnte die Polizei nicht eingreifen. Angeblich wird die Plattform von einer Firma in Lettland betrieben, ihr Server liegt in Schweden. Das Abschalten der Seite gilt wegen der dortigen liberalen Mediengesetze als unmöglich. Immerhin kam die Mobbing-Plattform Ende März auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, seitdem taucht sie nicht mehr in den großen Suchmaschinen auf, ist bei gezielter Adresseingabe aber weiterhin erreichbar.

Mehrere Stellen im Fernsehbeitrag auf Sat 1 machten stutzig: Einerseits stellte der angebliche Betreiber mit dem Rücken zur Kamera die abwegige Rechnung auf, er erhalte pro Klick auf die Seite zehn Cent an Werbeeinnahmen, habe sich deshalb bereits „mehrere Autos, Wohnungen und ein Haus in Frankreich“ geleistet. Andererseits störte es den Mann nicht, vom Kamerateam vor seinem Haus und auf dem Gehweg gefilmt zu werden. Die Polizei hatte so leichtes Spiel.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft geht davon aus, der Mann habe das enorme Interesse an seiner Person ausnutzen und Geld verdienen wollen. Für diese These spricht, dass der „Akte“-Reporter im Beitrag behauptet, sechs Tage vor der Haustür des Gesuchten verbracht zu haben, ehe es schließlich zum Interview kam. Der Sender bestreitet allerdings, dass Geld geflossen ist. Außerdem sei man sicher nicht auf einen komplett ahnungslosen Hochstapler hereingefallen: Der Interviewte zähle „mit seinem Insiderwissen zum engeren Kreis des Internetportals“. Sebastian Leber

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