Mobiles Internet : Das iPhone als Kiosk

Nach „Focus“ und „Stern“ drängt es nun den „Spiegel“ aufs Apple-Handy – mit dem ganzen Heft.

Kurt Sagatz

Der Weihnachtseinkauf am verkaufsoffenen Sonntag verlief noch ziemlich entspannt. Gesucht wurden vor allem Adventskränze oder Nikolaus-Geschenke „für meine Freundin“, wie der junge Mann im iPhone-Video des „Stern“ sagt. Denn um sich die bewegten Bilder aus den bundesdeutschen Einkaufszonen oder von der Vollversammlung der Weihnachtsmänner in Berlin anzusehen, muss niemand hektisch nach Hause eilen, die gibt’s bequem auf dem Handy – vor allem, wenn es sich um ein iPhone handelt. Nachdem in den letzten Monaten vor allem unzählige kleine Videospiele als iPhone-Apps – so heißen die Applikationen für das Apple-Handy – entwickelt wurden, sind nun die TV-Sender und Verlage dabei, die mobilen Endgeräte für sich zu nutzen. Wobei zumeist nach dem bekannten Wettbewerbs-Motto gehandelt wird: Was auf n-tv zu sehen ist, darf bei N24 nicht fehlen. News, Videos, Bilder, das Wetter – an dieses Schema halten sich die meisten nachrichtengetriebenen iPhone-Applikationen. Bei Stern.de kommen noch Wissenstests dazu, „Focus online“ hat sein Angebot um Wirtschaftsrechner zum Tagesgeld-Vergleich oder für die Renditeberechnung ergänzt. Andere Publikationen wie das „Handelsblatt“ setzen darauf, die Leser auch unterwegs in den gewohnten Kategorien wie Börse, Unternehmen, Finanzen zu informieren.

Der Tagesspiegel, dessen Leser bereits jetzt per SMS den Themenalarm auf ihr Handy leiten können, wird sein Mobilangebot 2010 ebenfalls erweitern. Angedacht ist ein Tagesspiegel-Nachrichtenticker für die Smartphones sowie ein Suchagent für die Rubrikenmärkte. Die beiden Dienste könnte es sowohl als iPhone-App als auch als hilfreiche Anwendung für die Handys mit Google-Betriebssystem Android geben.

Wie groß der Hype um das iPhone ist, lässt sich im Moment an einer Meldung aus den USA erkennen. Weil die Internet-Abrufstatistiken auf die kurz bevorstehende Fertigstellung einer neuen iPhone-Generation hindeuten, warten die High-Tech-Freaks aus der San Francisco Bay Area wie Ufo-Jäger auf die Ankunft des neuen Gerätes.

Auffällig war deswegen die Zurückhaltung einiger Platzhirsche. Einer davon, Spiegel online, will nun im Dezember nachziehen und das gedruckte Heft ab Dezember via iPhone vermarkten. Der Preis, soviel verriet Spiegel-online-Chefredakteur Rüdiger Ditz, soll sich am gedruckten Mutterblatt orientieren. Der Verlag Gruner + Jahr, zu dem der „Stern“ gehört, will demnächst mit weiteren kostenlosen iPhone-Apps starten. Neben der „Financial Times Deutschland“ sind Apps für „Gala“ und „Brigitte“ in Planung. Aber auch bei Bauer, Burda, Condé Nast oder der Ganske-Gruppe wird fleißig an Handy-Diensten gebastelt.

Von entscheidender Frage dabei ist, wie damit Geld verdient werden kann. Gruner + Jahr setzt dabei auf die klassischen Online-Erlösformen. „Man müsse schon sehr fantasievoll konvertieren, um mit Abo-Einnahmen auf den gleichen Umsatz zu kommen wie mit Werbung“, hatte Oliver von Wersch, Leiter des Mobile-Bereichs bei Gruner + Jahr Electronic Media Sales kürzlich via Heise.de erklärt. Der Axel-Springer-Verlag will hingegen den Leser zur Kasse bitten. Die iPhone-Ausgabe der „BZ“ soll im Frühjahr auf ein Abo-Modell umgestellt werden, wird dem iPhone-Nutzer mitgeteilt.

Für eine Frage spielt es indes keine Rolle, ob die Apps nun vom Leser oder vom Anzeigenkunden bezahlt werden: Allzu freizügig sollten die Angebote nicht sein. Weil so manche Bildergalerie allzu viel weibliche Haut offerierte, hatte Apple die iPhone-Applikation von Stern.de vorübergehend von der iTunes-Plattform verbannt. Damit dürfte sicher sein, dass das iPhone nicht für jede Zeitschriftengattung die Zukunft sein wird – zumindest nicht als iPhone-App des „Playboy“. Kurt Sagatz

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