Mobilisierung : Von der Facebook-Party zur Revolution

Party, Mob und Rebellion: Soziale Netzwerke mobilisieren. Aber wie funktioniert das? Wo beginnt der Hype? Und wie kommt er aus dem Netz auf die Straße?

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Alle sind gekommen: Eigentlich wollte der Hamburger Teenager Thessa nur ein paar gute Freunde zu ihrem 16. Geburtstag einladen.Alle Bilder anzeigen
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01.07.2011 18:40Alle sind gekommen: Eigentlich wollte der Hamburger Teenager Thessa nur ein paar gute Freunde zu ihrem 16. Geburtstag einladen.

Schon am Hauptbahnhof sind sie Hunderte: Junge Leute mit Sixpacks unter dem Arm, laut, fröhlich, manche verkleidet. Auf dem Weg mit der Hochbahn in den sonst so ruhigen Hamburger Vorort Bramfeld skandieren sie: „Wir wollen Thessa sehen.“ Thessa, die an diesem sagenumwobenen Tag Anfang Juni ihren 16. Geburtstag feiern wollte, ist da schon bei Oma untergetaucht. Zuvor hatte sie die Einladung zu ihrer Party auf Facebook versehentlich dem ganzen Netzwerk zugänglich gemacht – 1500 der weltweit über 600 Millionen Nutzer kamen. Einige Wochen später musste die Polizei eine Spontanparty in Wuppertal auflösen. Auch hier hatten sich Jugendliche über ein soziales Netzwerk verabredet. Kurz darauf folgte die Meldung über eine geplante Massenparty mit 50 000 Teilnehmern in Bochum. In wenigen Wochen könnte Hamburg gleich die nächste „Facebook-Party“ bevorstehen. Unbekannte haben zu einer promillesatten Rundtour auf der Ringlinie U3 aufgerufen, aus Protest gegen das geplante Alkoholverbot in den Zügen des Hamburger Verkehrsverbunds. 16 000 sollen sich auf Facebook angemeldet haben – bis das Unternehmen die Einladung löschte.

Das Netz macht Masse. Scheinbar auf Knopfdruck lassen sich große Menschenmengen an einem Ort versammeln, einfach, indem man eine Nachricht in einem sozialen Netzwerk auf den Weg bringt, wo sie von Freund zu Freund weitergereicht wird. Ein Kettenbrief, nur kostenlos und erbarmungslos schnell. Was in Spanien und in der arabischen Welt politische Massenproteste, ja Revolutionen beförderte, ist in Deutschland nun Instrument der Hedonisten. Ein kleiner Impuls, eingespeist in das große, amorphe Ganze, entwickelte eine Wucht, die selbst die Impulsgeber überrascht. „Der harte Kern bestand aus rund zwanzig Personen“, schreibt die tunesische Bloggerin und Aktivistin Lina Ben Mhenni in ihrem kleinen Buch „Vernetzt euch“ und erzählt, wie diese kleine Gruppe über Skype und Facebook zum 22. Mai 2010 zu einer Demonstration aufrief – und Tausende auf die Straßen der Innenstadt von Tunis brachte.

Nicht zuletzt das Unberechenbare dieser Mobilisierungskraft hat Wissenschaftler dazu geführt, Netzwerken eine Art Eigenleben zuzuschreiben. Das amerikanische Autorenduo Nicholas Christakis und James Fowler, ein Mediziner und ein Politologe, beschreiben soziale Netzwerke aller Art in ihrem Buch „Connected – Die Macht sozialer Netzwerke“, das im Oktober auf Deutsch erscheint, als „Superorganismus“. Sie meinen damit auch solche Netzwerke, die noch ohne digitale Kommunikationsverbindungen auskommen. Aus ihrer Sicht sind es nicht nur Informationen, die sich über soziale Verbindungen zwischen Menschen verbreiten. Auch Eigenschaften und Einstellungen könnten sich so vermehren. Sie zeichnen nach, wie sich Gefühle, Schwangerschaften, das Sterberisiko oder die Bereitschaft zu spenden in sozialen Netzen ausbreiten. Der soziale Mensch, so die These, imitiert nun einmal das Verhalten seiner Mitmenschen. Gleichzeitig kann der so entstehende „Superorganismus“ auch mehr leisten als der Einzelne: „So, wie das Gehirn Dinge tun kann, die ein einzelnes Neuron nicht tun kann“, wie Fowler und Christakis schreiben. Zum Beispiel eine Regierung zu Fall bringen. Oder eine Hamburger Gartensiedlung ins Chaos stürzen.

Doch wie genau verlaufen die Informationsströme im Netz? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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