Medien : Mode in der DDR: N3-Doku: Der Stoff, aus dem die Träume waren

Paul Stark

"In drei Jahren werden wir Westdeutschland in der Konsumgüterproduktion überholen." Die Weissagung Walter Ulbrichts 1958 klang wie eine unverhüllte Drohung. Weniger dem Westen gegenüber, sondern all jenen, die in der DDR mit der Herstellung von Gebrauchsgütern beschäftigt waren. Vor allem den "Modeschöpfern". Woher nehmen? Von dem Überfluss an Stoffen und Accessoires, die westliche Schneider verwendeten, konnten die tapferen Schneiderlein im Osten nur träumen. Bis 1989.

Mode im Osten - gab es die überhaupt? Sahen nicht alle mehr oder weniger grau aus im realsozialistischen Einheits-Look? So, wie wir die Bilder vom Mauerfall erinnern, als die Stonewashed-Welle in den Westen schwappte? Antworten darauf gibt die Doku "Das trug der Osten" um 20 Uhr 15 auf N 3.

Mode war in der DDR Chefsache: Polit-Büromanen vom ZK, Industrie-Ministerien und Demokratischer Frauenbund mit der Zeitschrift "Für Dich" debattierten die tägliche Frage: Was ziehe ich an? Die Antwort war meist schnell gefunden: Da das Angebot in den Konsum- und HO-Läden ziemlich übersichtlich blieb, nahm Mann und Frau das, was es gab, ob es passte oder nicht: König Kunde in des Kaisers neuen Kleidern.

Die 1956 gegründete Modezeitschrift "Sybille" lieferte ihren Leserinnen (von denen 90 Prozent einem Beruf nachgingen und Kinder aufzogen) zumindest den Stoff zum Träumen: Schöne Mannequins in schöner Bekleidung, von den besten DDR-Fotografen in idyllischen Kulissen abgelichtet. Fotos, die noch heute ästhetischer Hochgenuss sind - auch wenn sie mit der Wirklichkeit wenig gemein hatten. Was kaum jemand weiß: 80 Produzent der DDR-Textilproduktion wurde in alle Welt geliefert - Neckermann & Co. wussten die Qualität der Billigheimer aus dem nahen Osten wohl zu schätzen. Und wenn es um Devisen ging, war Honecker das Hemd näher als der Rock. Hat Ulbricht - im verkehrten Sinne - letzten Endes vielleicht doch recht behalten?

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