Medien : Moderation: Das erzwungene Wunder

Markus Nolte

Perfekt geschminkt und mit gestärkten Hemdskragen kommen Deutschlands Nachrichtensprecher jeden Tag in Millionen Wohnzimmer. Und wie sie so dasitzen an ihrem Pult, diese modernen Frauen und Männer ohne Unterleib, provozieren sie eine Frage: Welche Hosen tragen sie eigentlich? Welche Schuhe? Tragen sie überhaupt Schuhe? Oder wässert Ulrich Wickert, während er den Kanzler interviewt, vielleicht gerade seine hochsommerlich verschwitzten Füße in einer Plastikschüssel?

Natürlich ist das alles fürchterlich unwichtig und dem Ernst der harten Fakten des Tages alles andere als angemessen. Bei einem Moderator allerdings würde der Blick unters Pult erstaunen: bei Stephan Kulle, dem "Neuen", der beim "Morgenmagazin" die "heute"-Nachrichten moderiert. Denn Stephan Kulle ist querschnittsgelähmt.

Einen "fröhlichen Menschen" habe "heute-journal"-Chef Wolf von Lojewski haben wollen, als er Stephan Kulle vor ein paar Monaten in die Redaktion des ZDF-Nachrichtenmagazins holte. Und er hat ihn bekommen: Stephan Kulle, einer, dem eigentlich alles gelang. 1967 wurde er in Eichsfeld, in der DDR, geboren. Erste journalistische Erfahrungen machte er, als er als Ministrant eine Messdienerzeitung herausbrachte. "Staatlicherseits durften wir maximal zwei Seiten, und alles nur einfarbig drucken. Wir machten zehn, durchgehend farbig", erzählt Stephan Kulle. Die Stasi wurde auf ihn aufmerksam, hat ihn an seinem 18. Geburtstag zu einem "äußerst merkwürdigen Geplauder inklusive Buchgeschenk" abgeholt. Viel später, als er seine Stasi-Akte einsehen konnte, fand er in der Gauck-Behörde seine Sporttasche wieder, von der er damals annahm, irgendwer hätte sie gestohlen. "Dazu Geruchsproben von verschiedenen Kleidungsstücken, in Einmachgläsern aufbewahrt."

Einige Wochen vor dem Mauerfall konnte er sich nach Westdeutschland absetzen, war bei der hessischen Landesregierung und selbst in Bonn gefragt, einfach weil er aus dem Osten kam. Ebenso bei der Elektro-Gerätefirma Miele. "Es wusste ja niemand, dass westdeutsche Waschmaschinen jede ostdeutsche Sicherung rausfliegen lassen würden." Bald studierte er Theologie in Münster. Johannes Dyba, Bischof des Bistums Fulda, dem Erfurt zu DDR-Zeiten zugeordnet war, wollte ihn schließlich zum Studium nach Rom schicken. Und dann kam alles ganz anders.

Es war Mittwoch, der 10. Juli 1991, am frühen Nachmittag. Gemeinsam mit einem Freund fährt Stephan Kulle in dessen Auto zu seiner Wohnung, als der Freund mit gut 50 Stundenkilometern auf einen anderen Pkw auffährt. Ab da ging nichts mehr. Gar nichts. "Du spürst nichts. Du spürst nicht einmal, dass du nichts spürst", erinnert sich Stephan Kulle. Aus und vorbei, mit einem Schlag. Während die anderen Beteiligten glimpflich davon kamen, sollte für Stephan Kulle das Angurten im Auto für lange Zeit die letzte Bewegung gewesen sein, die ihm möglich war. Wohl gemerkt: war. Denn Stephan Kulle läuft wieder. "Natürlich ist das ein Wunder", sagt er, "aber ich weiß auch, was ich dafür getan habe." Und dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen.

Den medizinischen Hintergrund seiner Heilung erklärt er so: Durch den Unfall wurde das Rückenmark auf der Höhe des fünften Halswirbels stark verletzt. Ein paar Nervenbahnen blieben aber unversehrt. "Bei 80 Prozent aller Querschnittslähmungen ist das so", sagt er. Also habe er, Stephan Kulle, seinem Gehirn beigebracht, mit dem Befehls-Transport auf die unversehrten Nerven auszuweichen, um in den Muskeln die Kettenreaktionen auszulösen. Und dann, nach langer Zeit, fing es mit den Fingern an, ganz langsam. Dann immer weiter. Seit einigen Monaten läuft er sogar wieder ohne Krücken, und wenn man von seiner Geschichte und dem Unfall damals vor zehn Jahren nichts weiß - man sähe ihm nicht an, dass ab dem fünften Halswirbel abwärts nichts mehr ging. Das alles ist nicht allein sein Verdienst, das weiß er. Ein Freund, der ihn täglich besuchte, war eine wichtige Stütze. Und natürlich der Physiotherapeut, der mit ihm auch nach Dienstschluss Geh-Übungen machte. Dieser Therapeut habe selber Spaß daran gehabt, dass da ein junger Mann wieder auf die Beine kommen wolle und bei all dem fröhlich blieb, sagt Kulle.

Schon 14 Monate nach dem Unfall setzte Stephan Kulle sein Theologiestudium fort, begann als freier Mitarbeiter im WDR-Landesstudio Münster, wechselte 1995 zum ZDF in die "Kirchenredaktion", zum "Länderjournal", wurde fester Reporter beim "Mittagsmagazin", moderierte die Nachtnachrichten - alles im Rollstuhl, später auf Krücken, dann fest auf beiden Beinen. Noch heute sprechen ihn Kollegen auf dem Mainzer Lerchenberg darauf an - "die freuen sich immer noch mit mir".

Einmal aber hat er doch Angst gehabt: vor seiner großen Wirbelsäulenoperation; zwei Bandscheiben, die beim Unfall zerfetzt worden waren, wurden entnommen. Dazu mussten die Ärzte einen Schnitt am Hals machen, die Narbe hätte also genau im Fokus der Kameras des Nachrichten-Studios gelegen. Kulle erzählt, dass er die Ärzte gebeten habe: "Macht eine schöne Narbe!" Auch das haben die Ärzte gut hinbekommen. Man sieht nichts.

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