Moderator geht, Sendung bleibt : Ich bin ein Kollektiv

Der Weißclown und der dumme August: Wie Thomas Gottschalk die ZDF-Show "Wetten,dass..?" mehr als 24 Jahre lang zum Leuchten brachte. Ab 19.25 Uhr tickern Maris Hubschmid und Joachim Huber live.

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Ein Stück Fernsehgeschichte. Über 24 Jahre nach seiner ersten Moderation im Jahr 1987 (rechts o.) verlässt Thomas Gottschalk „Wetten, dass..?“ für immer. Auslöser war 2010 der schwere Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch (rechts u.). Fotos: dapd, dpa, ZDF Foto: dapd
Ein Stück Fernsehgeschichte. Über 24 Jahre nach seiner ersten Moderation im Jahr 1987 (rechts o.) verlässt Thomas Gottschalk...Foto: dapd

Als Thomas Gottschalk seine erste „Wetten, dass ..?“-Sendung moderierte, war ich auf hoher See. Die Nordsee war stürmisch an diesem 26. September 1987. Die Seemänner saßen in der Kajüte der „Starcross“ und sahen ein Splattervideo, in dem Zombies, Monster und Kettensägen die Hauptrolle spielten. Mehrmals rief der Kapitän seine Männer an Deck, um die Container zu sichern, ich hingegen durfte sitzen bleiben. Es war mein erster Tag als Seemann auf dem Weg von Hamburg nach Amerika und lieber hätte ich auch draußen im Sturm die Container gesichert als diesen fürchterlichen Film alleine zu gucken. Irgendwann schaltete ich um vom Splattervideo aufs ZDF. Aus Hof in Bayern wurde Gottschalks erste Sendung übertragen und immer wieder von Bildausfällen auf der Nordsee unterbrochen.

Ich erinnere mich noch an dieses unmögliche rote Sakko mit dem viel zu breiten Schulterschnitt. Und an eine Wette mit einer Judo-Oma, die den schwarzen Gürtel trug und alle Judoka aus ganz Bayern auf die Matte legte. Irgendwann kamen die Seemänner zurück und starrten auf den Bildschirm. Ich weiß die Dialoge der Seemänner über Gottschalk nicht mehr im Einzelnen, aber das große Wunder war, dass sie die Sendung mit ihm und der Judo-Oma bis zum Ende schauten.

Jetzt sind fast 25 Jahre vergangen und Gottschalk hat die Sendung 150 Mal moderiert. Durch die Zeiten einer Bonner Republik, durch die Berliner Republik, unterbrochen nur durch wenige Jahre in der Wendezeit. Die Unterhaltungssendungen wechselten, Showmaster kamen und gingen, doch Gottschalk moderierte seine geliebte Sendung in den wundersamsten Jacken und Hosen durch ein ganzes Fernsehzeitalter. Und überzog jedes Mal, insgesamt fast 70 Stunden! So viel Unordnung und Unplanbarkeit hatte es in deutschen Programmabläufen noch nie gegeben! Nur ein Mal brach er die Show ab, das war im letzten Jahr, als der Kandidat Samuel Koch schwer verunglückt war. Für Gottschalk war es das Ende einer fröhlichen, fast unendlichen Sendezeit.

Wenn man sich heute bei Youtube alte Ausschnitte von „Wetten, dass ..?“ anschaut, dann bekommt man ein Gefühl von Zeitreise, von Geschichtsschreibung: Gottschalk mit Inge Meysel, Gottschalk mit James Bond, mit Udo Jürgens, den Bee Gees, Genscher, Bud Spencer, Paul McCartney, Peter Maffay, Michael Schumacher, Madonna, sogar zwei Mal Michael Jackson, Gerhard Schröder, Mario Adorf, Paris Hilton, Lena oder Guttenberg... Und zwischen Inge Meysel und all den anderen Zeitfiguren auf Gottschalks Sofa – da saß er selbst wie auf einer Zeitmaschine, wie ein ewig lebender Orlando, der sich durch die Epochen moderiert.

1994 sah ich Gottschalks Sendungen aus besonderem Anlass. Ich war doch nicht Seemann geworden, sondern sollte im Proseminar der Theaterwissenschaften moderne Clownsfiguren untersuchen. Ich kam ziemlich schnell auf Thomas Gottschalk, denn ein Clown würde nie über seine Zuschauer lachen. Wenn ein Kandidat für eine Nummer in die Manege steigt, dann ist der Clown zwar frech, aber er ist freundlich. Auf keinen Fall stellt er seine Manegengäste bloß wie die Talentverschrotter und Berufszyniker von Bohlen bis Raab, sondern wenn gelacht wird, dann über ihn: Dann springt er wie Gottschalk in Senf-Töpfe, voller Angst von Sieben-Meter-Türmen oder, wenn er sieht, dass sich ein Gast bis auf die Haut blamiert, springt er ihm zur Seite, wie einmal, als sich der Schlagersänger Patrick Lindner vor den „Spice Girls“ die Hose runterzog und Gottschalk, in einer Art Rettungsaktion, auch die Hose fallen ließ.

Überhaupt diese Hosen, diese Garderoben! Mal Pump, mal Lack und Leder, mal Frack oder Schottenrock, dazu Jacken von einem anderen Stern oder wie aus dem Zirkus. Gottschalk war der Weißclown, was die Garderobe betrifft, und der dumme August in einem. Gottschalk verkörperte dieses Kollektiv ganz allein. Und wenn Federico Fellini sagte, dass der Streit der beiden Clownsfiguren der „Kampf zwischen dem Kult der Vernunft und der Freiheit des Triebes“ sei, dann traf auch dies auf Gottschalk auf dem berühmten Sofa zu – er stieg quasi in die Dekolletés seiner weiblichen Gäste bei anhaltender Moderation und einwandfreier Syntax.

Oh Gott, das klingt ja hier wie ein Nachruf, aber er lebt ja noch! Es ist nur ein Nachruf auf „Wetten, dass ..?“!

Der Gottschalk hatte immer die feindseligsten Kritiker, die ihm alles Mögliche nicht verzeihen konnten, aber vermutlich war es das Undeutsche an ihm, was sie ärgerte: das Unbeschwerte, das Unbekümmerte, die „unbekümmerte Unkaputtbarkeit“, wie Florian Illies Gottschalks Leistung beschrieben hat. Und vielleicht auch das Kindliche und doch Professionelle. Das Glatte. In Sebastian Brants spätmittelalterlichem „Narrenschiff“, von dem man auch gut immer „Wetten, dass..?“ hätte senden können, ist der Weise „so glatt wie ein Ei, so dass alles an ihm abgleitet.“ Ja, vielleicht war Gottschalk immer dieses bunt bemalte, glatte Ei.

2002 lernte ich ihn in Worms kennen, am Dom! Es war die Uraufführung meiner „Nibelungen“, und da sich das ZDF dieses Theaterprojekts angenommen hatte, wurde auch Gottschalk aus Mainz herangekarrt. Er sollte sogar, bevor es losging, auf die Freilichtbühne treten und eine Anmoderation machen. „Um was geht’s denn in Ihrem Stück?, fragte er fünf Minuten vorher. „Also, ich könnte sagen, dass mein Sohn Tristan heißt, aber das wird wahrscheinlich nicht reichen, oder?“ Ich war blass. Wenn Gottschalk mein Theaterstück anmoderiert, dachte ich, dann hagelt es Verrisse in den Feuilletons, Gottschalks letzte künstlerische Darbietung waren die „Supernasen“ mit Mike Krüger, auf keinen Fall benötige ich für mein Theaterstück „Wetten, dass ..?“-Atmosphäre! Ich fragte mich durch bis zum Intendanten, flehte um Nachsicht – Gottschalk trat nicht auf. Meine Ehrfurcht vor diesen deutschen Trennungen von „E“ und „U“, von „Ernst“ und „Unterhaltung“ war viel zu groß. Und ein deutscher E-Autor fünf Minuten vor seiner Uraufführung mit einem U-Gott im Gespräch, wie dieser denn das E-Stück ankündigen könnte, das ging nicht.

Dabei hätte ich ihm am liebsten gesagt: „Wissen Sie was, Herr Gottschalk, Sie haben mich in der Nordsee auf der Starcross gerettet! Sie trugen ein komisches rotes Sakko und ohne Ihre Judo-Oma würde ich wahrscheinlich noch heute von schrecklichen Kettensägen träumen! Lassen Sie uns in Zukunft in diesem Lande E und U mischen! Außerdem sind Sie die schönste Clownsfigur des 21. Jahrhunderts! Sie sind ein weises, freundliches, lustiges, kindliches und unbeschwertes Ei, an dem alles abgleitet! Ich habe Sie wirklich gern.“

Heute Abend nun werde ich mir seine letzte Sendung ansehen. Am liebsten würde ich den Intendanten fragen, ob ich nicht vielleicht die Anmoderation machen könnte. Ich würde sagen: „Sehen Sie nun die erfolgreichste Samstagabendshow aller Zeiten. Wir senden durch bis morgen früh. Danach stellen wir die Sendung ein. Einen Nachfolger für Thomas Gottschalk zu suchen, das hat keinen Sinn. 25 Jahre ,Wetten dass..?’ mit Gottschalk: Was für eine Leistung in diesen schnelllebigen Zeiten! Die „Starcross“ zum Beispiel, die ist längst gesunken.“

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