Moderne Heiratsschwindler : "Romance Scammer" zocken gutgläubige Damen im Internet ab

Die Heiratsschwindler von heute suchen sich ihre Opfer auf Datingportalen und auf Facebook. Frau A. verliebte sich in den Witwer „George“. Er versprach, sie bald in Deutschland zu besuchen.

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Das Bild aus dem Jahr 1957 zeigt einen Bräutigam im schwarzen Frack, der seine Braut im weißen Brautkleid, mit Strauß und Schleier, auf Händen trägt.
Wie im Traum: Heute suchen Heiratsschwindler nach Opfern auf Facebook und auf Dating-Portalen. Sie spielen echte Verliebtheit vor.Foto: picture alliance

Dass sie tatsächlich ihre Stöckelschuhe wieder hervorgekramt und anzogen hatte! Nach Jahrzehnten auf flachen Sohlen. Unglaublich. So unglaublich wie der Umstand, dass sie, Rentnerin und 64 Jahre alt, verliebt war. „Wie ein Teenie“, sagt sie. Aber das war längst nicht alles, es wurde noch viel unglaublicher. Und darum sitzt sie jetzt auf einem Podium und warnt. Das Warnen, hofft sie, werde helfen, den Schmerz zu lindern.

Warnen sei überhaupt das Einzige, was man tun könne, sagt außerdem der Polizist, Dezernanatsleiter beim Landeskriminalamt Berlin, der neben ihr sitzt und sie ab und an aufmunternd anlächelt.

Sie ist jugendlich gekleidet, dunkle Tunika, enge Hose, Ballerinas. Die Haare trägt sie glatt, lang und orangerot wie die Sängerin Katja Ebstein. Sie nennt sich für die Öffentlichkeit nur Frau A., denn die Angelegenheit ist delikat.

Frau A. ist auf einen Mann hereingefallen, dessen Bekanntschaft sie im Internet gemacht hat. Während sie durch einen mehrmonatigen E-Mail-Verkehr und Dutzende von Telefonaten erst eine Freundschaft, dann eine Liebe heranreifen sah, ging es dem Mann von Beginn an allein darum, Frau A. zu betrügen. Er wollte sie dazu bringen, ihm Geld zu überweisen, woraufhin er aus ihrem Leben verschwunden wäre.

Der Betrüger kontaktierte Frau A. auf Facebook

Er gehört mutmaßlich zu einer vermutlich von Westafrika aus operierenden Bande moderner Heiratsschwindler, die „Romance-Scammer“ genannt werden. Scammer ist Englisch und heißt Betrüger, das passt, weil die Kontaktanbahnung in der Regel auf Englisch erfolgt.

„Hi sweetie“, meldete sich eines Tages Anfang Juli 2012 ein Frau A. unbekannter George David auf ihrer Facebook-Seite. Sie sehe so hübsch aus auf ihrem Foto und so viel jünger als 64, wow, was ihr Geheimnis sei, und derlei Nettigkeiten mehr. Er stelle sich vor, dass es toll wäre, mit so einer sympathischen Frau befreundet zu sein. Frau A. las und staunte, fühlte sich durchaus geschmeichelt, reagierte aber erst mal nicht. Zwei Wochen, sagt sie, habe sie verstreichen lassen. Dann schrieb sie zurück. Sie sagt: „Ich war ja nicht auf der Suche nach einer neuen Liebe, ich dachte eher, ich könnte mein Englisch verbessern.“ An die Brieffreundschaften von früher habe sie sich erinnert gefühlt.

So also begann ein reger Mailaustausch. George war verwitwet, Vater von zwei süßen Kindern, Fotos gab es dazu. Er stammte aus Paraguay, lebte in London, war Banker. Sie fingen an zu skypen, Internettelefonie. Er konnte sie dabei sehen, sie ihn nicht. Er begründete das damit, dass er im Büro sei und sie das aus Vertraulichkeitsgründen nicht sehen dürfe. Sie sagt, als sie das erste Mal seine Stimme gehört habe, sei es um sie geschehen gewesen. So tief, so warm. „Eine Soul-Stimme“, sagt sie.

Dann musste er nach Malaysia, weil sein Vater, der dort angeblich für Shell und Petronas gearbeitet hatte, gestorben war, um die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Danach würde er über Deutschland nach London zurückfliegen, um sie zu treffen zu können. Doch in Malaysia gab es Probleme mit den Finanzbehörden, es ging um Steuern. Und dann kam – es war Ende August – die Frage. Ob sie ihm mit 6000 US-Dollar aushelfen könne. „Da fiel bei mir der Vorhang“, sagt sie. Könnte es wahr sein? Wahr sein, dass ihr Sohn recht hätte, der sie warnte, als sie ihm von George erzählte, und sagte, Mama, pass auf, im Internet sind viele Betrüger unterwegs. Quatsch, habe sie noch zu ihm gesagt. Bei mir gibt’s doch nichts zu holen.

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