Medien : Moderne Zeiten auf dem Lerchenberg

Die Mainzelmännchen werden 40, können plötzlich reden, lernen zwei Frauen kennen und ziehen in eine WG

Joachim Huber

Von Joachim Huber

Sechs Männer sollten reichen. Nicht aber dem ZDF. Jetzt braucht es noch zwei Frauen und einen Hund. Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen treffen auf die Zwillinge Lea und Zara, die „Guddnberg“ im Schlepptau haben. „Guddnberg“ ist ein Hund. Frauen und Hund ziehen in die „Mainzel-Villa“ ein. Der Geschlechterkampf wird in der WG ausbrechen, es wird rappeln. „Da ergeben sich die Reibungsflächen und das Konfliktpotenzial, die für Fünf-Minuten-Episoden notwendig sind“, sagt Dagmar Ungureit. Die Redakteurin im ZDF-Programmbereich Kinder und Jugend betreut „Die Mainzels“, eine zunächst auf 24 Folgen angelegte Zeichentrickserie. Das Projekt wird mit großer Sorgfalt und mit hohem Aufwand betrieben, seit Anfang dieses Jahres arbeiten die Redaktion in Mainz und die Neue-Film-Produktion – Animation Film GmbH in Wiesbaden daran. Die Erstausstrahlung ist für September 2003 geplant, im ZDF-Kinderprogramm am Sonnabendvormittag (und gerne auch im Nachtprogramm), nicht aber im Kinderkanal, wie man bei einer Zeichentrickserie erwarten möchte.

Das hängt mit der Marke „Mainzelmännchen“ zusammen, sagt Ungureit. Die Männchen mit dem fröhlich- schnarrenden „Guddnaaabend“-Ruf, die Abenteuer mit physikalischen Unmöglichkeiten (wo sonst wird ein Wecker als Pferd benutzt?) erleben, gehören seit dem 1. April 1963 in das Werberahmen-Programm des ZDF. Ihre Aufgabe ist es, einen Werbespot von einem anderen fernzuhalten. Sie sind „Werbetrenner“. Das Sextett war und ist das Erkennungszeichen für das ZDF, nichts wird so sehr mit dem zweiten Fernsehprogramm identifiziert.

Also, „Die Mainzels“ im Zweiten. Zu ihrem 40. Geburtstag überfällt die Zipfelmützen- Männer neben der Emanzipation noch eine (größere?) Revolution: Sie lernen sprechen. Bei Fernsehauftritten, die „fünf Minuten dauern, geht das nicht anders“, betont Ungureit. Die gewohnten Spots im Werbeprogramm dauern höchstens acht Sekunden, rund 650 laufen Jahr für Jahr neu durchs ZDF-Programm (über 40 000 Spots summieren sich zu bisher 40 Stunden). Größere Unterhaltungen waren in der Kürze der Zeit bisher nicht möglich.

„Für die Serie mussten wir die Figuren verändern und erweitern, die Typen zu Charakteren ausbauen.“ Klar, Det bleibt der Schlaue, Edi wühlt im Garten, und der dicke Anton wird nie satt werden, doch bekommen die Figuren jetzt einen persönlichen Hintergrund, ja fast eine Biografie. Jeder hat sein Zimmer im gemeinsamen Haus und Berti endlich eine Garage zum Heimwerken. „Sie sind weder Erwachsene noch Kinder, vielleicht sind sie kindliche Erwachsene: Das bleibt unverändert“, beschreibt Ungureit die gewollte Alterslosigkeit der alten und neuen Figuren. Die Zwillinge Lea und Zara, eineiig, mit rotblonden Zöpfen, sind je nach Betrachter erwachsene Mädchen oder junge Frauen. Das freilich sei nicht so wichtig, sagt Ungureit, wichtiger sei, dass sie mit ihrem Hund „Guddnberg“ ein so starkes Trio bilden, wie die sechs Mainzelmänner ein starkes Sextett sind. Robust müssen die Kerle auch sein, sie sind Schwerarbeiter im Dienste eines attraktiven Werbeprogramms. Sie rühren in direkter Nachfolge zu den „Heinzelmännchen“ fleißig die Hände für die Spot-Akquise. Andererseits sind sie „kleine Hedonisten“. Sie machen, was sie wollen, das Lachen ist ihnen ins Gesicht geschraubt. Im halben Dutzend lustiger, mutiger, pfiffiger. Jetzt kommen Zara und Lea dazu. Lea trägt eine Brille wie Det alias „Dr. Mainzelmann“, zwischen beiden scheint sich was anzubahnen. Die Zwillinge sind sehr frech, sehr selbstbewusst, ständig singen sie vor sich hin. Sie ziehen in die Mainzel-WG, eigentlich aber wollen sie zur Show.

„Guddnberg“ heißt „Guddnberg“, weil das ZDF in der Gutenberg-Stadt Mainz liegt. „Guddnberg“ sieht aus wie eine Art Bobtail. Vorbild ist ein Hund, der immer unter irgendeinem Schreibtisch der Produktionsfirma NPF herumliegt und „Kinski“ gerufen wird. Ein Faultier mit organgeblonden Fransen, der nur beim Fressen in Hektik verfällt. Vorbild hin, Vorbild her, ein Name wie der des Furcht erregenden Schauspielers „Kinski“ funktioniert nicht in einem Kinderprogramm. Also „Guddnberg“. Es kommt für die Männer noch schlimmer: Lea und Zara sind größer als sie. „Die Männer sind ja untersetzt, die Frauen sind besser proportioniert, deswegen müssen sie größer sein. Lea und Zara sehen auch besser aus,“ sagt Frau Ungureit.

Alle können reden, „nicht in einer Cartoon-Sprache, nicht im Jargon“. Nur beim Superlativ, da werden sie eigen, Superlativisches nennen sie „mainzelig“. Die Welt der „Mainzels“ bleibt eine besondere: plüschig, gemütlich, rund statt eckig, abgeschliffen statt verkantet, ganz in der Tradition der kulleräugigen Mainzelmännchen, die immer wieder behutsam aktualisiert wurden, zuletzt 1990.

„Mainzels“ Welt ist eine geschlossene Welt. Während „Käpt’n Blaubär“ in der ARD durch das Mit- und Gegeneinander der kleinen Bären und des großen Bären eine ironisch-erwachsene Ebene besitzt, werden „Die Mainzels“ konkret und unmissverständlich sein. Eine weitgehend heile Welt ohne Unterton und Unterwelt – doch nicht nur: Einmal wird Det sogar ausziehen (aber sicher nur vorübergehend). „Wir zeigen in sich abgeschlossene und auf jeden Fall zu Herzen gehende Geschichten“, kündigt die Redakeurin an. Wie Soap-Charaktere kämen die Bewohner der Mainzel-WG auf das Publikum zu, so wenig wie die Typen im realen Endlos-Fernsehen würden „Die Mainzels“ dazulernen. Diese Figuren und ihre passenden Geschichten zu entwickeln, sei schwierig, zumal das ZDF die Qualitätslatte bei einem Markenzeichen sehr hoch legt: „Manche Bücher mussten die Autoren vier, fünf Mal umschreiben“, erzählt Ungureit.

Die Mainzelmänner verändern sich in der Zeichentrick-Serie so unauffällig-auffällig wie in den 40 Jahren ihrer ZDF-Präsenz: Farblich werden die Figuren aufgemotzt, sie springen aus den Strampelanzügen ’raus und folgen keinem bestimmten modischen Trend: „Weder altbacken noch altmodisch noch altklug sind sie.“ Dafür fleißig: Lea, Zara und „Guddnberg“ werden vielleicht auch in den Mainzelmännchen-Spots, in den viersekündigen Kapriolen zwischen Kukident, Voltax und Venencreme auftauchen. Der Auftritt im Werberahmen-Programm würde sie wieder sprachlos machen.

Parallel zur Entwicklung der „Mainzels“ arbeitet ZDF Enterprises am Merchandising in Katalog-Stärke. Das ganze Sammelsurium aus Bettwäche, Plastik-Figur, Lichterkette, Tasse etc. pp. wird ausgeschüttet. In der Ferne soll schon „Mainzel. Der Film“ drohen. Was „Benjamin Blümchen“, „Petterson & Findus“, bald auch „Sandmann“ billig ist, das muss den Sympathieträgern des ZDF erst recht sein dürfen. „Guddnaaabend“.

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