Medien : Mörder ohne Mord

„Tatort“ Münster: keine Leiche, kein Motiv, aber ein Täter

Tilmann P. Gangloff

Spätestens mit dem zweiten Fall haben sich die Herren Thiel und Boerne aus Münster als „Tatort“-Team etabliert. Mit dem Handlungsort hat das allerdings am wenigsten zu tun: Würde Kommissar Thiel (Axel Prahl) nicht gelegentlich durch die Stadt radeln, die Folge „Fakten, Fakten…“ (ARD, 20 Uhr 15) könnte absolut überall spielen. Der einzig wahre Münsteraner Detektiv des deutschen Fernsehens bleibt also Knautschgesicht Wilsberg vom ZDF. Dass die Stadt in den Krimis keine Hauptrolle spielt, werden ohnehin bloß die ganz harten Münsteraner bedauern; allen anderen ist viel wichtiger, dass das Team funktioniert und die Geschichte originell ist. Beides trifft zu, denn Thiel und Pathologe Boerne (Jan Josef Liefers) stehen vor einem Rätsel: Sie haben zwar einen Mörder gefasst, aber ansonsten bloß einen Tatverdacht. Es gibt keine Leiche, keine Tatwaffe, kein Motiv. Nicht minder rätselhaft ist ein weiterer Mord, bei dem es zwar einen hochgradig Verdächtigen gibt, doch der war der Tat paradoxerweise viel zu nah, um als Täter in Frage zu kommen.

Besser noch als die von Wolfgang Panzer äußerst geschickt zugespitzte Geschichte ist das Zusammenspiel des Duos Prahl und Liefers. Waren Polizist und Professor gegen Ende ihres ersten gemeinsamen Falls fast schon Freunde, so überwiegt nun wieder die alte Bissigkeit. Weil Prahl, eher ein Mime der Minimalschule, meistens keine Miene verzieht, stiehlt ihm Liefers als aufgekratzt dozierender Rechtsmediziner regelmäßig die Show. Immer wenn Boerne durch seinen Seziersaal schlittert, sich bissige Wortgefechte mit „Alberich“, seiner kleinwüchsigen Assistentin (Christine Urspruch), liefert und dann auch noch den gutmütigen Thiel auf den Arm nimmt, wünscht man sich den wahlweise trockenen oder schläfrigen „Tatort"- Einzelgängern aus Hamburg (Robert Atzorn) und Stuttgart (Dietz Werner Steck) auch solch quirlige Kollegen an die Seite.

Trotzdem muss die Stärke der Filme natürlich letztlich im jeweiligen Drehbuch, nicht bloß in der Teamarbeit stecken. Panzers knifflige Geschichte entpuppt sich als Familiendrama, in das gleich diverse Liebschaften verwickelt sind; auch Panzer setzt auf die bewährten Krimi-Motive Eifersucht und Rache. Mindestens ebenso reizvoll wie die Frage nach dem Mörder sind die Ausflüge ins eher kühle Gebiet der Rechtsmedizin. Der österreichischen Regisseurin Susanne Zanke kam dabei sicher entgegen, dass sie mal vier Semester Medizin studiert hat. Entsprechend wenig Berührungsängste hatte sie mit Boernes Seziersaal. Immerhin klärt Boerne den Fall mit seinen Erkenntnissen fast im Alleingang. Womöglich wird der eigentliche Ermittler bei den „Tatort"-Folgen aus Münster in Zukunft nur noch eine Nebenrolle spielen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben