Medien : Mörderisches Spiel

Hochspannung am Sonntag: neue ZDF-Krimis aus Großbritannien, Frankreich und Skandinavien

Thomas Gehringer

Als zotteliger Waldschrat und Harry-Potter-Freund Hagrid ist er weltweit populär geworden. Doch dass Robbie Coltrane ein Riese ist, wussten ZDF-Zuschauer schon lange. Endlich, nach acht Jahren Pause, kehrt Dr. Edward Fitzgerald, der blitzgescheite und großmäulige Psychologe, der notorische Spieler und Säufer, kurz: dieser wunderbare Schandfleck aus Manchester, ins frei empfangbare Fernsehen zurück. Eine neue Folge von „Für alle Fälle Fitz“, garniert mit zwei Wiederholungen, wird den Sendeplatz der ZDF-Sonntagskrimis im Herbst schmücken.

Doch so lange müssen die ZDF-Zuschauer nicht auf neue, spannende Krimi-Kost warten. Am Sonntag startet die seit 2000 von der BBC produzierte Reihe „Waking the Dead – Im Auftrag der Toten“ mit vorerst vier Folgen. Eine fünfköpfige Spezialeinheit, eine Art Ermittler-Familie inklusive Psychologin und Pathologin, klärt lange zurückliegende Verbrechen auf. In „Der Spielkartenmörder“ zum Auftakt wird eine allein stehende Ärztin, die vor Jahren als einziges Opfer in der Gewalt eines psychopathischen Frauenmörders überlebte, erneut bedroht. Die Umstände lassen darauf schließen, dass der damalige Täter, der nun im Gefängnis sitzt, einen Komplizen hatte. Im Mittelpunkt stehen Verhöre und Spurensuche sowie eine genaue Zeichnung der Figuren. Der Emmy-Preisträger von 2004 beweist, dass man auch mit bescheidenen Mitteln und einem klugen Drehbuch ein Höchstmaß an Spannung erzeugen kann – ein echter Sonntagskrimi eben.

Hinter dem nächsten „Fitz“-Krimi – Arbeitstitel „Nine Eleven“ – verbirgt sich hingegen der Fall eines in Nordirland traumatisierten und von Verschwörungstheorien verwirrten Ex-Soldaten, der Amerikanern an die Gurgel geht. Ob es weitere Fälle für Fitz geben wird, ist noch offen. Immerhin: Am Ende verpasst er sein Flugzeug zurück nach Australien, wohin er vor Jahren ausgewandert war. Darsteller Coltrane hatte damals aus Frust über schlechte Drehbücher bei „Cracker“, so der Originaltitel der Reihe, die Brocken hingeworfen.

Das ZDF kehrt damit zu seinen Anfängen zurück, denn mit „Für alle Fälle Fitz“ begann 1996 der Versuch, am späten Sonntagabend einen Sendeplatz für ausländische Krimis zu schaffen. Das ging erst einmal schief: Fitz und später auch die skurrile Mafia-Serie „Die Sopranos“ hatten mäßige bis lausige Quoten. Erst mit den Mankell-Verfilmungen ab 2000 ging es aufwärts. Mittlerweile hat sich der Sonntag als Sendeplatz für Qualitätskrimis vor allem aus Skandinavien und Großbritannien etabliert. Hier geht es meist raffinierter und spannender zu als anderswo, oft auch härter und düsterer, obwohl die Mainzer etwa bei den „Hautnah“-Filmen die besonders gewalttätigen Spitzen herausschneiden. Der Vorteil des Sendeplatzes liegt vor allem darin, dass er nicht wie sonst im Programm üblich in ein enges Korsett gezwängt ist. Die beiden neuen „Commander“-Filme mit Amanda Burton (April/Mai) sind jeweils 70 Minuten lang, die fünf neuen Folgen mit dem lakonisch-witzigen „Inspector Barnaby“ (Juli/August) jeweils 100 Minuten. Unterschiedliche Tempi und Erzählweisen sind möglich – am Sonntagabend droht kein Krimi von der Stange. So sitzen vor den Bildschirmen wohl nicht nur die Freaks, denen ein „Tatort“ am Abend nicht reicht, und die treuen Leser von Henning Mankell, Elizabeth George, Val McDermid oder Sjöwall/Wahlöö: Knapp drei Millionen Zuschauer hatten die Sonntagskrimis im Jahr 2005 durchschnittlich, das waren 14,2 Prozent Marktanteil, mit steigender Tendenz (2004: 13,6 Prozent).

Das ZDF ist mächtig stolz, dass Quote und Qualität so gut zusammengehen, und darf es auch sein. Redakteur Klaus Bassiner bezeichnet sich und seine Leute als „Trüffelschweine“. Das Ziel ist nicht gerade unbescheiden: „Wir wollen die besten Krimis der Welt zusammensuchen“, sagt Bassiner. Das mag im Einzelfall übertrieben sein, dennoch ist dabei ein Fenster entstanden, durch das man gerne in fremde Welten schaut und mitunter auch einiges über die sozialen Zustände erfährt. Die Originalversionen bleiben dem deutschen Publikum allerdings verwehrt, weil das ZDF den zweiten Tonkanal lieber für die Stereo-Ausstrahlung der Musik nutzt.

Die Palette wird auch in diesem Jahr erweitert werden: Nach „Frank Riva“ mit Alain Delon wird mit „Martin Paris“ in diesem Jahr eine weitere Reihe aus Frankreich starten. In einer Koproduktion mit der italienischen RAI wird ab Sommer die Serie „Im Zeichen des Drachen“ ausgestrahlt: Sergio Silva und Jan Mojto, die vor 20 Jahren bereits „Allein gegen die Mafia“ produziert hatten, sind wieder mit im Boot.

Der Schwerpunkt liegt jedoch weiter auf Großbritannien und Skandinavien. Bei acht neuen Fällen von „Kommissar Beck“ tritt das ZDF als Koproduzent ebenso in Erscheinung wie in den verbleibenden Mankell-Stoffen. „Die Brandmauer“ ist bereits abgedreht, und mit „Der erste Fall“ wird die Mankell-Reihe im Jahr 2008 endgültig abgeschlossen. Bei „Kommissar Beck“ erlaubt sich das ZDF den Spaß, den Stockholmer Ermittler in zwei Episoden mit dem Berliner Kommissar Sperling (Dieter Pfaff) zusammenzubringen. Was wohl bedeuten soll, dass man seine Samstagskrimis auch gerne zu den „Besten der Welt“ zählen möchte.

„Walking the Dead – Im Auftrag der Toten“; ZDF, Sonntag, 22 Uhr

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