"Mogadischu“ : Wir sind dabei gewesen

Spannend, aber voyeuristisch: Roland Suso Richter zeigt in "Mogadischu“ das Drama um die "Landshut“.

Christina Tilmann
mogadischu
Widerstand trotz Todesangst. Kapitän Schumann (Thomas Kretschmann, l.) wird von Kipnapper Mahmud (Said Taghmaoui) vor Augen der...Foto: ARD/Degeto

Es ist mal wieder Herbst. Wenn sich weiße Farbe wie Mehltau auf die glatt gegelten Haare legt, wenn panzerglasdicke Monsterbrillen die Gesichter verunzieren, wenn der Bundeskanzler Helmut Schmidt hektisch an der Zigarette zieht und sagt: „Sie haben alle Vollmachten, die Sie brauchen“, dann ist mal wieder deutscher Herbst. Im Fernsehen.

Die Degeto-Produktion „Mogadischu“, Regie Roland Suso Richter, nach einem Drehbuch des Münchner Dokumentarfilmers Maurice Philip Remy, erzählt mit einer All-Star -Besetzung die Geschichte jener dramatischen sechs Oktobertage aus dem Jahr 1977. Die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Rückflug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, letzte Station Mogadischu, die Erstürmung der Maschine durch die GSG9, und die darauf folgenden Selbstmorde der Terroristen in Stammheim und die Ermordung von Hanns Martin Schleyer, das war der Höhepunkt des RAF-Dramas. Kein Wunder, dass man immer wieder darauf zurückkommt.

Geradezu manisch werden derzeit die Erinnerungsriten zur RAF bedient. 30 Jahre Deutscher Herbst im vergangenen Jahr, 30 Jahre 1968 in diesem Jahr, was dann letztlich, vor allem durch den Rummel um Bernd Eichingers Großproduktion „Der Baader-Meinhof-Komplex“, doch wieder auf 30 Jahre RAF hinauslief. Auch in diesem Film spielt Mogadischu eine zentrale Rolle – so gleichen sich die Szenen im palästinensischen Trainingslager, mit den aufmüpfigen deutschen Terroristen oder die Schleyer- Entführung, der Kinderwagen und der ratlose Helmut Schmidt in der Nacht. Auch die Vermarktungsmaschinerie, mit im Anschluss an den Film ausgestrahlter Dokumentation und einem „Anne Will“-Spezial am Abend der Ausstrahlung, ähnelt sich auffallend. Deutscher Herbst im Film: Das ist ein Coup, der Quote garantiert.

Sicher, Flugzeugentführungen sind Drama pur, in der Einheit von Ort und Zeit. Auch der Film „Mogadischu“ hält die Spannung, mit strikter Innensicht in der Maschine, man sitzt gleichsam mit den Passagieren an Bord. Drehbuchautor und Regisseur halten sich die gewonnene Authentizität zugute, und behaupten: So ist es gewesen. So fühlte es sich an, in 40 Grad Hitze in der Maschine, und so viel Kraft kostet es, trotz Todesangst Widerstand zu leisten. Und, seht her, wir vermitteln sogar neue historische Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass der Chefausbilder im palästinensischen Trainingslager, Wadi Haddad, ein Agent des KGB war. Und dass diese Form des Terrorismus nicht bloß ein innerdeutsches Problem, sondern Teil des Kalten Kriegs gewesen sei. Hier wird Geschichte neu geschrieben.

Doch am Ende geht es ganz fernsehgerecht darum, neue Helden zu kreieren: Nicht die in ihrer Coolness attraktiven Terroristen der RAF, die auch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zuletzt wieder sehr gut aussehen ließ. Sondern die wahren Helden: Stewardessen, Piloten, Passagiere. Sie alle haben sich diese Heldenrolle nicht ausgesucht und sie dennoch nach Kräften ausgehalten. Was bedeutet es, in die Maschine und den sicheren Tod zurückzukehren, nachdem man auf dem Flughafen von Aden schon in Sicherheit war, so wie es Kapitän Jürgen Schumann für sich entschied? Wieviel Kraft kostet es, den unberechenbaren Entführern etwas Linderung für die Passagiere abzuringen und zu versuchen, sie zu schützen, wie es die Stewardess Gabriele Dillmann tat? Dass die Opfer des Terrorismus vergessen würden, keine Stimme bekämen, war immer wieder ein Vorwurf im Umgang mit dem Thema RAF. Dieser Film schafft da Gerechtigkeit.

Das fordert auch von den Schauspielern Höchsteinsatz. Nadja Uhl spielt in „Der Baader-Meinhof- Komplex“ die Terroristin Brigitte Mohnhaupt, und jetzt in „Mogadischu“ die Stewardess Gabi Dillmann – also innerhalb von kurzer Zeit einmal Täterin, einmal Opfer des deutschen Terrorismus. Thomas Kretschmann muss in der Rolle des mutigen Flugkapitäns Szenen spielen, für die es bislang keine Bilder gab. Und Valerie Niehaus wurde als Birgitt Röhll bewusst nicht auf ihre Demütigungsszene vorbereitet. Gar nicht zu reden von den Statisten, die unter unmenschlichen Bedingungen bei 40 Grad stundenlang in der Maschine ausharren mussten, weil chronologisch gedreht wurde, und sie so eine Ahnung der realen Zustände an Bord der „Landshut“ erhalten konnten. Wie viel Einfühlung, wie viel Real-Schrecken braucht ein Film, um am Ende glaubwürdig zu wirken?

Schon der US -Film „United 93“ über die bei Pittsburgh zum Absturz gebrachte vierte Maschine des 11. September 2001 hatte ein ähnliches Problem. Die Enge in der Maschine, die verängstigten Passagiere: Will der Zuschauer das sehen? Und wollen im Fall der „Landshut“ die Überlebenden sich so sehen? Muss man unbedingt dabei sein, wenn der arme Urlauber, der in gebrochenem Englisch darum gebeten hatte, auf die Toilette gehen zu dürfen, sich vor Angst und Not in die Hose macht? Wenn der Sohn zusehen muss, wie die Mutter mit dem Tod bedroht wird? Wenn sich die Jüdin bebend den Pulloverärmel über die KZ-Nummer auf dem Arm streicht? Für eine Vorstellung der unmenschlichen Bedingungen an Bord, Hitze, Gestank und Angst, genügt die Einbildungskraft. Bebilderung bedient den Voyeurismus.

Erkenntnis im Fernsehen sieht anders aus – kann anders aussehen. Schon Heinrich Breloer hatte 1997 im zweiten Teil von „Todesspiel“ das Schicksal der Landshut in den Vordergrund gestellt. Seine Form des Doku-Dramas mag für vieles, was im deutschen Fernsehen seitdem an nachgestellten realen Szenen und Erinnerungsfiktionalisierung läuft, verantwortlich gewesen sein. Er hat im Falle von Mogadischu den klügeren, aufschlussreicheren und weniger sensationslüsternen Film gedreht.

„Mogadischu“, 20 Uhr 15, „Anne Will“, 22 Uhr, „Mogadischu - Die Dokumentation“, 22 Uhr 45, alles ARD

0 Kommentare

Neuester Kommentar