Medien : Monster in Münster

Der neue „Tatort“ mit Thiel und Boerne basiert auf einer historischen Vorlage. Realistisch ist er trotzdem nicht

Thomas Gehringer

„Münsterland ist Monsterland“, witzelt der taxifahrende Vater von Kommissar Thiel (Axel Prahl). Da ist was Wahres dran; denn Autor und Regisseur Stephan Meyer hat eine reale Schauergeschichte als Vorlage für den „Tatort: Mörderspiele“ ausgegraben.

1957 gab es in Münster einen spektakulären Mordfall: Eine kopflose und zerteilte Leiche war im beschaulichen Aasee gefunden worden, und nach schlampigen Ermittlungen wurde die Witwe des Mordopfers Rohrbach unschuldig verurteilt. Nun wird im Aasee wieder eine – allerdings weibliche – Leiche gefunden, und es soll aussehen wie eine Kopie des fast 50 Jahre alten Rohrbach-Falles. Sogar der Mageninhalt stimmt bei beiden Leichen überein. „Auf den Trüffel genau“, fasst Pathologe Boerne (Jan Josef Liefers) zusammen. Thiel, Boerne sowie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) befürchten allerdings, der Täter wolle Polizei und Justiz in erster Linie als unfähig vorführen: Immerhin war auch der Rohrbach-Mörder nie gefasst worden.

Münsterland ist Fernsehkrimiland, und dabei wird auf allen Kanälen zur Freude der Münsteraner, die in Scharen zu den Vorpremieren in die heimatlichen Lichtspielhäuser strömen, heftig mit den Augen gezwinkert. Im ZDF droht der brummige Detektiv Wilsberg (Leonard Lansink) in jeder Folge unter die Fahrräder zu kommen. In der ARD dagegen stellt Thiel bei der Mörderjagd im Vorrüberradeln gerne mal einen schnöden Fahrraddieb – mehr oder weniger erfolgreich. Wie schön, dass wenigstens dem aufgekratzten Pathologen und passionierten Jaguar-Fahrer Boerne kein Fahrrad-Tick angedichtet wurde. Stattdessen liefert er sich mit seiner Assistentin Alberich (Christine Urspruch) erfrischend komische und politisch unkorrekte Wortwechsel. Sehr erfreulich ist in dieser Folge auch das Wiedersehen mit Schauspielerin Rosel Zech, die als gebildete Bäuerin gerne in die Oper geht und sehr feinsinnig lächeln kann, während sie mit der Schrotflinte hantiert. Sicher: Möglichst realistisch abgebildete Figuren sehen anders aus – aber warum sollte es sie bei jedem „Tatort“ geben? Die Münsteraner Ermittler bürsten recht unterhaltsam gegen den Strich, und die häufig angestrebte ernsthafte Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich „heißen Eisen“ gelingt ja auch nicht immer. Münsterland ist Hinterland. Großstadt-Allüren passen nicht so recht zu der lustigen Krimi-Provinzhauptstadt. Irgendwann in „Mörderspiele“ taucht ein reicher ukrainischer Energieunternehmer auf, der behauptet, die Aasee-Leiche sei seine Frau. Der Mann und seine zwei imposanten Leibwächter wirken mitten in Westfalen in etwa so deplatziert wie Außerirdische, aber sie stören den Verlauf der Handlung zum Glück nur vorübergehend.

Die fußt dann doch auf eher klassischen Motiven und auf der Tatsache, dass in einer Stadt wie Münster jeder jeden kennt. Das ist freilich, wie jeder Kleinstädter weiß, auch nicht immer das pure Vergnügen. Eine stärkere Prise schwarzen Humors könnte da nicht schaden, und das würden die krimibegeisterten Münsteraner bestimmt aushalten.

Münster ist „die drehfreudigste Stadt, die ich kenne“, sagt Regisseur Meyer. „Polizei und Feuerwehr helfen, wo sie können.“ Aber es gibt auch in Münster Grenzen: In „Mörderspiele“ baumelt das Opfer eines zweiten Mordes in einem Müllsack am Stadthaus-Turm. Meyer wollte die Film-Leiche noch prominenter platzieren, am Widertäufer-Käfig an St. Lamberti, dem historisch und vor allem touristisch bedeutsamsten Wahrzeichen der Stadt. Da spielte der Gemeinderat denn doch nicht mit.

„Tatort: Mörderspiele“: 20 Uhr 15, ARD

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