Medien : „Montgomery ist unser direkter Wettbewerber“

Verleger Stefan von Holtzbrinck über Kommunikation in rauen Zeiten, Gratisblätter und die Pläne für den Tagesspiegel

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Ihr Argument für den Kauf des Berliner Verlags lautete: Der Tagesspiegel als einzelne Zeitung in Berlin ist wirtschaftlich nicht zu halten. Was wird nach dem Verkauf des Berliner Verlags aus dem Tagesspiegel?

Angesichts der Verluste des Tagesspiegels in der Vergangenheit war die Zeitung nicht oder allenfalls als Lokalausgabe einer Überregionalen zu führen gewesen. Selbst für Liebhaber wäre die negative Umsatzrendite nicht erträglich gewesen. In den vergangenen Jahren hat sich der Tagesspiegel allerdings positiv entwickelt, wenngleich die Lage nicht glänzend ist.

Es heißt, der Verlag erlebe gerade das beste Jahr seit der Holtzbrinck-Übernahme 1992.

Der Tagesspiegel hat Aussichten – nicht in diesem Jahr – an eine Nulllinie heranzukommen. Dieses Ziel zu erreichen ist in zweierlei Hinsicht wichtig: Zum einen soll der Tagesspiegel mit Recht und Stolz seine Zukunft ökonomisch selbst verantworten können – und dies definitiv unter dem Dach der Verlagsgruppe von Holtzbrinck. Andererseits ist das wichtig angesichts der Herausforderungen, die das Internet stellt.

Inwiefern?

Google, Ebay oder Yahoo konkurrieren mit Zeitungen zunehmend um Rubrikenanzeigen, aber auch um Leser und Nutzer. Insofern ist es unerlässlich, dass sich Verlagsunternehmen diesem Thema sehr intensiv zuwenden. Wir werden versuchen, durch die Angebote der ISA-Gruppe …

… zu der Immowelt.de, Stellenanzeigen.de und Autoanzeigen.de gehören …

… mit anderen Partnerverlagen eine Größe und Abdeckung zu erreichen, um mit der Entwicklung und den Riesen mitzuhalten. Zudem setzen wir uns etwa bei „Handelsblatt“, „Zeit“, „Nature“ mit Blogs und „social communities“ auseinander. Wir werden den Tagesspiegel in diese Kooperationsformen zunehmend einbinden.

Wie soll sich die gedruckte Zeitung weiter entwickeln?

An vorderster Stelle steht unser Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus. Der Tagesspiegel soll bei den attraktiven Zielgruppen in Berlin weiter Auflage gewinnen. Auch werden wir uns sehr genau, aber mit Vorsicht, anschauen, ob wir in anderen Städten stärker Fuß fassen können.

Wird es eine Hamburg-Ausgabe geben?

Das will ich weder bejahen noch ausschließen. Es ist eine Frage der Kosten.

David Montgomery will beim Berliner Verlag ins Marketing investieren. Wie fest wird der Tagesspiegel aufs Gas drücken dürfen?

Das kommt auf den Wirkungsgrad des Motors an. Ist der Verbrauch beim Gasgeben ineffizient hoch, sollte man vom Pedal runtergehen bevor der Tank leer wird. Jede Zeitung sollte im Grundsatz nur im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten investieren. Wir haben jedoch immer darauf geachtet, dass der Tagesspiegel über ausreichendes Reaktionspotenzial verfügt.

Montgomery kündigte auch an, die „Berliner Zeitung“ werde als regionale Zeitung und Stimme Berlins positioniert. Lautet die Strategie für den Tagesspiegel folglich Überregionalität?

Auf die Überregionalität im Sinne einer Ausweichstrategie zu setzen, ist für jede Zeitung eine riskante Angelegenheit. Daher gilt: Wenn Expansion, dann nur sukzessive, mit Augenmaß und zielgenau. Klar ist: Montgomery ist unser direkter Wettbewerber zunächst hier in Berlin. Die Heimatverbundenheit, die unmittelbare Ansprache der Leser, ist essenziell für den Erfolg.

Haben Sie beim Verkauf des Berliner Verlags an Investoren mit so viel Gegenwehr aus Politik und Journalismus gerechnet?

Uns war bewusst, dass wir angesichts der undifferenzierten H-Debatte mit Gegenwind zu rechnen haben. Als die Diskussion begann, konnten und durften wir nicht Stellung nehmen, sonst hätten wir unsere vertraglichen Vereinbarungen mit der Investorengruppe verletzt. Dadurch hatten die Redaktionen der betroffenen Blätter Zeit, Protest aufzubauen.

Finden Sie, dass in der Berichterstattung Fehler passiert sind, die Journalisten bereits im Wahlkampf vorgeworfen wurden: Parteinahme und Vorverurteilungen?

Was Journalisten fürchten, ist die menschlich verständliche Sorge, ihr Arbeitsplatz könnte aus Gründen der Rendite wegfallen, dies steht neben der Sorge um die Qualität Ihres Blattes. Vergessen wird, dass diese Renditevorstellungen in vielen Verlagen längst bestehen – denken Sie an den Stellenabbau bei der „Schweriner Volkszeitung“. Im Fall der „Berliner Zeitung“ kommt hinzu, dass man nicht wahrnehmen wollte, dass durch das neu in den Markt eintretende Konsortium der größtmögliche Erhalt von Arbeitsplätzen und auch die Unabhängigkeit der Redaktion erst möglich wird. Die Frage, wann die Investorengruppe weitere Zeitungen kauft, hängt ja zudem davon ab, wie verantwortungsbewusst sie mit der „Berliner Zeitung“ umgeht. Hätte eine Überregionale den Tagesspiegel oder die „Berliner Zeitung“ gekauft: Eine der beiden wäre wohl „filialisiert“, also eine Lokalausgabe zum Beispiel der „SZ“ oder „FAZ“ geworden.

Es gab auch beim Versuch, das Kartellrecht zu novellieren, viel Protest.

Wir haben drei Jahre gekämpft, mit einer Novelle die Marktgesetze zugunsten der Zeitungen so zu verändern, dass sie mit gestärkter Ertragskraft ihre Rolle als Kulturgut wahrnehmen können. Wir wollten durch unabhängige Redaktionen publizistische Vielfalt sichern. Damals bekamen wir fast keine Unterstützung. Jetzt mussten wir nach den Gesetzen des Berliner Marktes verkaufen – und was passiert? Es erhebt sich der öffentliche Aufschrei, ohne wirklich auf die genaueren Hintergründe einzugehen. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Wie erklären Sie sich, dass Springer im Fall der Übernahme von Pro Sieben Sat 1 mehr Sympathisanten hat als Holtzbrinck im Fall des Berliner Verlags?

Viele haben nach den langen Auseinandersetzungen im Zeitungswesen einfach keine Lust, weitere einzugehen. Ein anderer Grund: „Bild“ ist sowieso in ihrem Segment marktbeherrschend, und von der Übernahme von Pro Sieben Sat 1 ist abgesehen von Bertelsmann praktisch kein anderes eigentümergeführtes Haus betroffen. Bei uns war das anders. Gleich mehrere große Zeitungsgruppen waren tangiert. Sei es die „FAZ“ mit ihrer „Märkischen Allgemeinen Zeitung“, sei es die Stuttgarter Zeitungsgruppe mit der „Märkischen Oderzeitung“, und natürlich Springer. Jeder wollte unsere Pläne verhindern. Es bildete sich eine Vielzahl von Allianzen, es wurde Lobbyismus betrieben. Der Verlegerverband vertrat zudem die angeblichen Interessen der kleinen Unternehmen, worunter wir mit einem Gesamtmarktanteil von etwa vier Prozent nicht zählen. Schließlich ist es wie in politischen Angelegenheiten: Ohne ein Massenmedium dringt man nicht durch. Ein solches haben wir nicht, und unsere Qualitätstitel haben, wollten und werden wir nicht instrumentalisieren.

Holtzbrinck versteht sich als diskretes Familienunternehmen. Wäre von einem Verlag, der von der Kommunikation lebt, nicht dennoch zu erwarten, mit einem gewissen Maß an Öffentlichkeitsarbeit unwahre, rufschädigende Behauptungen frühzeitig aus der Welt zu schaffen, am besten gar nicht erst entstehen zu lassen?

Ich gebe gern zu, dass wir in rauen Zeiten wie diesen ein Kommunikationsdefizit haben. Wir haben keine PR-Abteilung. Wir überlassen die Öffentlichkeitsarbeit jedem unserer dezentral geführten Einzelunternehmen. Als Familienunternehmen spielen wir für die breite Öffentlichkeit keine Rolle. Das soll auch so bleiben.

Zuletzt war das anders.

Richtig. Gottlob fällt mir nichts ein, was wieder diese Dimension erreichen könnte.

Will Holtzbrinck mit dem Verkaufserlös den Start einer Gratiszeitung finanzieren?

Wir hatten schon vorher genug freie Mittel, um ein solches Projekt zu stemmen. Gratiszeitungen sind meines Erachtens ein Beitrag zur Lesekultur, weil sie bewiesenermaßen im Wesentlichen von Leuten konsumiert werden, die ansonsten gar keine Zeitungen kaufen. Sie schaden überwiegend schlecht gemachten Titeln, Qualitätszeitungen allenfalls am Rande. Das bei regionalen Zeitungen vor allem lokal geprägte Anzeigengeschäft treffen sie nur in geringem Umfang, weil Gratiszeitungen vor allem das nationale Anzeigengeschäft suchen. Gratiszeitungen in Deutschland sind jedoch infolge der hohen Verbundenheit der Verleger gerade in diesem Fall ein schwieriges Unterfangen.

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