Medien : „Morbides Interesse an Spukgestalten“

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Herr Chervel, was hat Sie in der vergangenen Woche in den Medien am meisten geärgert?

Vor einigen Tagen hat das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Meldung gebracht, die besagte, dass das neue Buch des Historikers Götz Aly, „Hitlers Volksstaat“, in der „taz“ negativ besprochen worden war. Aly hätte sich verrechnet. Es war wohl das erste Mal, dass eine „taz“Rezension eine „FAZ“-Meldung auslöste. Wer sich als Leser ausschließlich auf die Frankfurter verließ, musste ratlos sein: Die „FAZ“ hatte das Buch bis dahin gar nicht besprochen. Die „FAZ“-Leser waren von seiner Existenz noch gar nicht in Kenntnis gesetzt worden. Offensichtlich mochte man den Autor nicht und freute sich, dass er anderweitig kritisiert worden war. Schöner Journalismus.

Gab es in der vergangenen Medienwoche auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Manchmal gibt es Artikel, die beim Namen nennen, was man lange Zeit auf der Zunge hatte, ohne dass man wusste, was es sei. Jens Jessen beklagte in der letzten Woche in der „Zeit“ den „Exzess des Gedenkens“ in unserer Öffentlichkeit. Er meinte damit nicht die Auseinandersetzung mit der Nazizeit, sondern ein morbides Interesse an den Spukgestalten in unseren Köpfen, eine Lust sich einzufühlen in die Täter, wie sie sich etwa in dem Film „Der Untergang“ manifestierte. „Tatsächlich ist es nicht unser ehrliches Interesse an der Naziwirklichkeit, das nun eskaliert. Es eskaliert etwas ganz anderes. Es eskaliert die narzisstische Beschäftigung mit uns selbst“, schreibt Jessen. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

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