Morgenmagazine : Fernsehen zum Frühstück

Der Markt am Morgen ist umkämpft. Das ZDF setzt auf einen neuen Moderator: Wulf Schmiese

Sonja Pohlmann
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Muntermacher Wulf Schmiese (r.).Foto: ZDF

Als Wulf Schmiese seinen neuen Job angeboten bekam, war er gerade in Alaska unterwegs, eine kleine Auszeit, auch wenn sich die Temperaturen dort nicht so sehr von der Kälte unterscheiden dürften, die manchmal im politischen Berlin herrscht, Schmieses Revier. Seit fast 20 Jahren berichtet der Journalist als Politischer Korrespondent über Koalitionsrunden, Parteienstreit und Strippenzieher im Schatten der Macht, erst für die „Welt“, seit neun Jahren für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und ihre Sonntagsausgabe. Künftig wird von ihm jedoch weniger zu lesen, dafür mehr zu sehen sein: Schmiese ist der neuer Moderator des ZDF-„Morgenmagazin“, am heutigen Dienstag geht es zum ersten Mal auf Sendung.

Der Sender aus Mainz hatte den renommierten Journalisten umworben, nachdem sein Vorgänger Christian Sievers ins ZDF-Studio nach Israel gewechselt war. Neben Schmiese und Patricia Schäfer als Hauptmoderatoren führen künftig weiter Dunja Hayali, Cherno Jobatey und Anja Heyde durch die Sendung.

Doch mit Schmiese soll sich das „Morgenmagazin“ verändern – auf zweierlei Weise: Es soll politischer werden, die Interviews sollen noch mehr Relevanz bekommen. Das dürfte für Schmiese weniger ein Problem sein, als sich an leichte Themen zu gewöhnen. Denn auch damit will das ZDF künftig noch mehr punkten. Ulf Jensen-Röller, Redaktionsleiter des „Morgenmagazins“, möchte die Café-Atmosphäre ab 8 Uhr 30 stärker hervorheben. Dafür soll ein Warm-upper die 70 Gäste, die im ZDF-Studio Unter den Linden live dabei sind, munter machen, zwischen den Beiträgen junge Bands spielen. Zu Schmieses Start hat sich die Berliner Combo TheBosshoss angekündigt.

Mit dem Relaunch will sich das ZDF, das das „ Morgenmagazin“ im wöchentlichen Wechsel mit der ARD gestaltet, noch stärker gegenüber seiner privaten Konkurrenz positionieren. Der Markt am Morgen ist von den Sendern umkämpft, denn längst hat Fernsehen zur frühen Stunde an „sozialer Ächtung“ verloren, wie Jensen-Röller sagt. „Immer mehr Menschen schauen morgens fern, der Kuchen wird größer.“ Mit verschiedenen Geschmacksrichtungen versuchen die Sender, die Zuschauer jeweils zu sich zu locken.

Während sie bei Sat 1 und RTL vor allem leichtes Geplaudere serviert bekommen, setzen die Nachrichtensender n-tv und N24 auf aktuelles Geschehen aus Politik und Wirtschaft. Die öffentlich-rechtlichen Sender befinden sich mit ihrer Mischung aus politischen und bunten Themen in einer Art Sandwichposition. Im Durchschnitt erreicht das dreieinhalbstündige ZDF-„Morgenmagazin“, das seit 1992 auf Sendung ist, durchschnittlich 630 000 Zuschauer und einen Marktanteil von 20,8 Prozent.

Pionier mit dem Fernsehen zur frühen Stunde waren jedoch die Privatsender. Sat 1 sendet seit 1987 „Frühstücksfernsehen“. Der zwischenzeitliche Versuch, auch samstagmorgens „Frühstücksfernsehen“ zu machen, wurde wieder aufgegeben, jetzt wird von montags bis freitags zwischen 5 Uhr 30 bis 10 Uhr gesendet. Jede halbe Stunde sind Nachrichten und Wetter zu sehen, Interviews und Beiträge werden im Laufe der Sendung wiederholt, weil viele Zuschauer im Schnitt nur 19 Minuten einschalten – eben so lange, wie ein Frühstück etwa dauert. 450 000 Zuschauer und einen Marktanteil von 14,1 Prozent erreichte Sat 1 mit seiner Morgenssendung durchschnittlich 2009.

RTL will die Zuschauer mit „Punkt 6“ wach machen. Das Format wurde vor knapp einem Jahr auf anderthalb Stunden verlängert, von sechs Uhr bis 7 Uhr 30 schalten 530 000 Zuschauer ein, was einem Marktanteil von 16,6 Prozent entspricht. Um „Punkt 9“ gibt es noch einmal Neuigkeiten.

Morgenmuffel darf keiner der Moderatoren sein, denn der Tag beginnt für sie mitten in der Nacht. Auch Schmiese, der Vater zweier Kinder ist, muss künftig um vier Uhr aufstehen. Die „FAZ“ zu verlassen, sei für ihn nicht einfach gewesen, sagt Schmiese, „aber mich hat auch die Chance gereizt, die visuelle Welt des Fernsehens kennenzulernen.“ Keine leichte Umstellung, denn politische Themen kann er künftig nicht mehr in aller Länger auf 180 Textzeilen diskutieren, sondern muss sie teilweise in eine 40-sekündige Anmoderation packen. Heftige Debatten will er zur frühen Stunde aber nicht unbedingt anzetteln. „Wer zu heftig streitet, wirkt im Fernsehen oft schnell unsympathisch“, sagt Schmiese.

Ganz will er seinem alten Metier aber nicht den Rücken kehren. Ab und zu will er für die „FAZ“ schreiben und politische Hintergrundkreise besuchen – anschließend aber wieder ins warme Scheinwerferlicht zurückkehren.

„Morgenmagazin“, ZDF, 5 Uhr 30

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