Medien : Mr. CNN geht

AOL Time Warner erleidet Rekordverlust: Ted Turner tritt als Vizechef ab

Joachim Huber

100 Milliarden Dollar Verlust hat AOL Time Warner 2002 eingefahren. Der größte Verlust in der US-Firmengeschichte kann auch einen Milliardär erschrecken: Ted Turner ist mit der Publikation der Verlustzahl von seinem Posten als Vizepräsident des weltgrößten Medienunternehmens zurückgetreten. Turner wird wohl im Verwaltungsrat von AOL Time Warner bleiben, auf jeden Fall bleibt er ein reicher Mann. Seine 132,5 Millionen Aktien, die Turner am Medienkonzern hält, sind aktuell 1,85 Milliarden Dollar wert. Vor dem Zusammenschluss von AOL mit Time Warner waren es noch 7,2 Milliarden Dollar.

Die Fusion im Januar 2001 hat Turner, wie andere Beobachter auch, stets kritisiert. Alle Mediensparten in einen Verbund aus Internet, Fernsehen und Print gebracht, das schien für die Fusions-Architekten, den Time-Warner-Chef Gerald Levin und AOL- Gründer Steve Case, eine Quelle, aus der die Dollar-Milliarden nur so sprudeln würden. „Der Schlüssel für unseren Erfolg ist klar: Wir profitieren von der Breite unserer Einnahmeströme“, sagte damals Gerald Levin.

Eine Prophezeiung, die auch von Leo Kirch oder dem geschassten Vivendi-Universal- Boss Jean-Marie Messier hätte stammen können. Dann aber begann das Wasser rückwärts zu fließen – in Form von Schulden. Die weltweit grassierende Medienkrise brachte die Riesen der Branche ins Wanken, wenn auch jeweils eine andere Hybris vorherrschte, wie die „Einnahmeströme“ zu lenken seien. AOL Time Warner, das war der augenscheinlich deutlichste Sieg der „New Economy“ über die „Old Economy“, die Zukunft war online oder gar nicht – jedenfalls nicht gedruckt nach Gutenberg-Manier.

Ted Turner hat diese Internet-Euphorie nicht geteilt, aber ernsthaft gebremst hat er sie auch nicht. Er hatte sich selbst einen Maulkorb verpassen lassen, als er akzeptierte, Vizechef von AOL Time Warner zu werden. Turner war Teil der Macht geworden, ungeteilt hatte er sie nicht in der Hand. Ein Rückzug aus Resignation? „Es ist Turner nicht gelungen, den Konzern in die von ihm gewünschte Richtung zu steuern“, sagte Vermögensverwalter Harold Vogel. „Jetzt braucht er bei seiner Kritik kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen.“ Den Fernsehsektor wird Turner nicht ausnehmen dürfen, die Kabel-TV- Sparte steckt bei AOL Time Warner tief in den roten Zahlen.

Fernsehen, das ist in den USA gleichbedeutend mit dem Namen Ted Turner, mit den „Cable Network News“, besser bekannt als das weltumspannende Nachrichtenprogramm CNN. Das startete Turner am 1. Juni 1980 aus einer kleinen Villa in Atlanta/Georgia heraus. Er hatte aus den Millionen, die die Firma seines Vaters mit Plakatwänden an Autobahnen gemacht hatte, noch mehr Millionen gemacht und wollte es den etablierten Fernsehstationen ABC, NBC und CBS zeigen. Turner wurde nicht ernst genommen, weil er sein Geld mit so genannten „Superstations“ verdiente. Fernsehsender, die alte Serien wie „Lassie“ oder „Bonanza“ billig aufkaufen und per Satellit in die Haushalte einspeisen.

Mit seinem Vermögen und seinen Anteilen an den Superstations TNT und TBS kaufte der Mann mit dem schleppenden Südstaatenakzent ein paar Redakteure ein, die etwas vom Nachrichtengeschäft verstanden, und gründete CNN. Motto: „News around the clock.“ Der Beginn war mühsam, Turner wurde belächelt, seine Nachrichten-Schnellköche fingen sich für ihr Programm die Bewertung „Chicken Noodle Network“ ein, ein Hühnerfutterprogramm ohne Substanz. Heute ist das überwunden, selbst wenn der Überall-und-sofort-Sender CNN den Unterschied zwischen live und bedeutsam zuweilen ausblendet. Trotzdem gilt: CNN ist die Relaisstation für News, insbesondere für Kriege, Krisen, Kräche.

In seinem Bestreben, unter den Großen der Größte im US-Medienmarkt zu werden, wollte Turner bald das Network CBS kaufen, verhob sich am Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer/United Artists, gründete quasi zum Ausgleich den europäischen Trick- und Spielfilmkanal TNT & Cartoon Network. Wer groß einkauft, wird selbst einmal gefragt, ob er nicht verkaufen will. Turner Broadcasting kam zu Time Warner und mit Time Warner zu AOL Time Warner. Und Ted Turner ging und stieg immer mit.

Wer sich dem Motto „Führe, folge oder geh mir aus dem Weg“ verschrieben hat, dem wird allzu großer Wille zu Kooperation und Kollegialität nicht nachgesagt. Ein Mensch, hart gegen sich und andere. Der versierte Segler Turner gewann das gefürchtete „Fastnet Race“ und den „America’s Cup“. Wenn Turner jetzt ankündigt, er wolle sich künftig mehr seinen philantropischen Interessen und seinem sozialen Engagement widmen, dann sind das nicht hehre Versprechungen eines Mannes, der mit 64 Jahren den Wohltäter in sich entdeckt hat. Im September 1997 sagte er an, er werde zehn Jahre lang jährlich 100 Millionen Dollar für die UN spenden; zahlreiche Umweltprojekte wurden von ihm initiiert und finanziert.

Unternehmer, Sportler, Sponsor: Ted Turner, der zwischenzeitlich drei Ehen, die letzte mit der Hollywood-Actrice Jane Fonda, hinter sich brachte, ist ein amerikanischer Held. Gefeiert als Visionär, respektiert trotz eines losen Mundwerks im politisch korrekten Amerika. Frauen, Schwarze, Gläubige durften sich von ihm schon verletzt fühlen.

Jetzt tritt Turner zurück. „Das ist mir nicht leicht gefallen. Dieses Unternehmen ist seit 50 Jahren ein wichtiger Teil meines Lebens“, sagte er. Er sei optimistisch, dass AOL Time Warner sein wahres Potenzial noch entfalten werde. Wenn Turner geht, dann sind andere schon gegangen, die der Mann aus Cincinnati/Ohio für die Schieflage im Unternehmen verantwortlich macht: Steve Case und Gerald Levin, die Mega-Fusionisten. Diesen Sieg eines „Old Boy“ über die Newcomer hat sich Robert Edward „Ted“ Turner III. gegönnt. Und CNN hatte wieder „Breaking News“.

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