Medien : MTV: Ein riesiger Zufall

Markus Huber

Wenn Fernsehmenschen normalerweise ihre Büros herzeigen, dann sind das immer beeindruckende Prunkstuben: Groß, hoch gelegen und daher mit einem beeindruckenden Ausblick über die Skylines von Berlin, Köln oder sonstwo ausgestattet. Meistens haben wichtige Fernsehmenschen in ihrem Büro dann auch noch mindestens drei TV-Geräte laufen - einen mit dem eigenen Programm, einen mit dem schärfsten Konkurrenten und einen mit CNN, damit sie wissen, was wirklich los ist auf der Welt. Wenn Catherine Mühlemann in ihrem Büro sitzt, dann hat das wenig mit Prunk zu tun: Sie residiert zu ebener Erde in einer ehemaligen Fabrik im Münchener Stadtteil Schwabing. Blickt sie aus dem Fenster, kann sie allerhöchstens dem Münchner Verkehr zuschauen, wie er sich staut. Das Büro ist so klein, dass die Aufgabe, einen Schreibtisch, ein Sofa und einen Besprechungstisch unterzubringen, eine echte Herausforderung für einen Innenarchitekten darstellt. Fernseher gibt es auch: einen, auf dem läuft ausschließlich Mühlemanns eigener Sender läuft - MTV.

Seit 1. Mai ist die 34jährige Schweizerin die neue Geschäftsführerin des Münchner Musikkanals, und ihre Mission ist klar: "Zu gewährleisten, dass MTV weiterhin der größte deutsche Musiksender bleibt und die Umsätze stimmen." Damit das klappt, greift Mühlemann vor allem auf erprobte Konzepte zurück: Als erste Amtshandlung hat sie angekündigt, den Hamburger MTV-Ableger VH-1, der sich bislang als Musikkanal für Ältere zu etablieren versuchte, umzugestalten. Als MTV 2 soll der Sender nur noch die aktuellen Chart-Hits abspielen und ein Angebot für die ganz jungen Zuschauer werden. Das Hauptprogramm aus München soll ebenfalls überarbeitet werden - mit mehr Wortbeiträgen, mit der Ausstrahlung einer Lesereise von Benjamin Stuckrad-Barre und mit einer deutschen Version des US-Hits "Celebrity Deathmatch", bei dem Knetfiguren deutscher Promis aufeinander losgehen.

Catherine Mühlemann ist eine sehr leise Frau. Wenn sie in ihrem Münchner Büro sitzt, dann spricht sie langsam und bestimmt, und sie denkt nicht daran, ihren schweizerischen Akzent bundesdeutsch anzuschleifen. Obwohl sie mit ihren 34 Jahren wahrscheinlich schon zu den Älteren im Sender gehört, passt sie rein optisch gut hierher. Sollte ihre Kleidung möglicherweise etwas zu klassisch wirken - die strengen weißen Second-Hand-Turnschuhe machen das wieder wett. Sie sagt, dass sie MTV schon immer sehr gerne gehabt hat - vor allem wegen des Designs: "Man konnte dort immer schon einiges abschauen." Wegen der Musik aber hat sie MTV nie gesehen: Privat hört Mühlemann eher Ambient, etwas Jazz und klassische Musik. "Das ist aber kein Problem", meint sie: "Als Geschäftsführerin muss ich in erster Linie MTV managen, das heißt strukturieren, organisieren, Strategien entwickeln und mich um die Finanzen kümmern. Für die Musikprogrammierung haben wir kompetente Spezialisten, die mir zur Seite stehen."

Zielpunkt Architekturstudium

Dass Catherine Mühlemann nun bei MTV sitzt, ist im Grunde ein riesiger Zufall, vor allem, weil sie im Grunde nie zum Fernsehen wollte. Nach dem Abitur stand eigentlich ein Architekturstudium an - zum einen, weil sie Spaß an klaren Formen und Strukturen hat. Und zum anderen, weil man in ihrer Heimatstadt Bern fast alles studieren konnte. Außer Architektur. Ihre Eltern wollten sie aber nicht nach Zürich ziehen lassen, als Kompromiss blieb sie in Bern und studierte Germanistik. Kurz vor dem Studienende erkannte Mühlemann, dass "das schweizerische Verlagswesen nicht auf mich wartet", und da kam ihr der Hinweis eines Freundes, dass beim Staatsfernsehen SF-DRS eine Stelle in der Medienforschung frei wäre, gerade recht. Binnen kurzer Zeit stieg sie zur Leiterin auf. 1997 wurde sie Programmreferentin und war für den Aufbau des zweiten staatlichen Fernsehkanals SF 2 verantwortlich. 1999 wechselte sie als Programmdirektorin zur Gründungsmannschaft des neuen Privatkanals TV 3.

Dort blieb sie - bis der Anruf von MTV kam. Cathrine Mühlemann gehört zur Gattung dieser neuen Fernsehmacher, die man nur schwer als Journalisten bezeichnen kann. Sie hat nie einen Beitrag geschnitten oder produziert, sie stand nie vor der Kamera, und eigentlich auch nie dahinter. Aber das musste sie auch gar nicht. Ihr Geschäft sind die Zahlen, und das beherrscht sie gut. Mühlemann geht es ums Programmieren; das Gespür dafür hat sie in der Medienforschung beim Öffentlich-Rechtlichen gelernt. Erste Meriten hat sie sich damit bei TV 3 verdient. Der kleine Schweizer Sender war der erste in Mitteleuropa, der das Potenzial des Reality-TV erkannte. Schon 1999 wurden zwölf Schweizer bei "Expedition Robinson" auf einer einsamen Insel ausgesetzt - ein halbes Jahr, bevor RTL 2 "Big Brother" auf die Reise schickte. Als TV 3 dann im vergangenen Jahr "Big Brother" importierte, war die Container-Show noch erfolgreicher als in Deutschland. Im Gegensatz zu vielen anderen glaubt Mühlemann auch nicht, dass der Reality-Boom schon wieder vorbei ist. "Die Menschen werden weiterhin echte Menschen im Fernsehen sehen wollen."

Catherine Mühlemann hat bei MTV einen Dreijahres-Vertrag. Dann sei sie für weitere Herausforderungen offen. Sie sollten aber wohl eher im Privatfernsehen liegen, denn von den Öffentlich-Rechtlichen hat sie nach ihren Schweizer Jahren vorerst einmal genug. "Hier bin ich viel mehr davon abhängig, ob mein Programm dem Publikum gefällt oder nicht", sagt sie, und sie meint damit, dass sie gerne das Publikum als Korrektiv hat. Das werden die Herren und Damen aus der MTV-Geschäftsführung in Amerika gerne hören. Die Damen und Herren mit den tollen Büros und der schönen Aussicht.

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